Marcel Rau: ein vielseitiger Künstler  Share

Wenn man vom Brüsseler Zentralbahnhof zum Temporären Museum der Belgischen Nationalbank geht, sieht man an der Seitenmauer des Hauptgeschäftssitzes der Belgischen Nationalbank runde Steinelemente. Auf jedem von ihnen ist ein Symbol für jeweils unterschiedliche Berufe abgebildet. Die Ornamente sind das Werk von Marcel Rau, dem Künstler, der für den dekorativen Aspekt des neuen Gebäudes verantwortlich war, das nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurde. Die klaren Linien des modernen Entwurfs von Architekt Marcel van Goethem erforderten eine schlichte Verzierung. Rau entschied sich darum für runde, medaillenförmige Ornamente, die sich auf mittelalterliche Gildeschilder beziehen. Das sind Medaillons, die den Mitgliedern einer Gilde als Beweis für ihre Mitgliedschaft dienten. Der Bildhauer verlieh diesen Schildern zwar eine moderne Note, da er nicht nur alte Berufe wie den Weber oder den Sattler abbildete, sondern auch „moderne“, wie zum Beispiel den Eisenbahner oder den Fotografen. Mit diesen Verweisen auf das Arbeitsleben wollte Rau dem Passanten verdeutlichen, dass die Belgische Nationalbank sich stark für die belgische Wirtschaft einsetzt.

Mauer Nordseite Belgische Nationalbank © Museum der Belgischen Nationalbank

Mauer Nordseite Belgische Nationalbank © Museum der Belgischen Nationalbank

 

Motiv „Maurer“ in Mosaik Eingangshalle © Museum der Belgischen Nationalbank

Motiv „Maurer“ in Mosaik Eingangshalle © Museum der Belgischen Nationalbank

Insgesamt sind 56 Medaillons an den Seitenmauern des Gebäudes angebracht. Alle Ornamente sind aus Speckstein gefertigt. Das Motiv der Medaillons wurde auch im Bodenmosaik der Eingangshalle aufgegriffen.
Während des Entwurfsprozesses der Medaillons aus Speckstein fertigte Rau Gipsmodelle der Gildeschilder an. Drei dieser Entwurfsstudien sind im ersten Museumssaal ausgestellt. Auf den Modellen erkennt man Symbole, die sich auf den Händler, den Imker und den Architekten beziehen.
Marcel Rau setzte die symbolischen Verweise auf die Industrie und den Handel auch bei den Aluminium-Figuren fort, die er für den Haupteingang des Gebäudes entwarf. Zu sehen sind Mercurius (Gott des Handels), Minerva (Göttin der Weisheit und des Gewerbes) und Vulcanus (Gott des Feuers und der Schwerindustrie). Es war das allererste Mal, dass Aluminium für Freiluftskulpturen verwendet wurde, was den modernen Charakter des Gebäudes unterstrich.

Aluminiumstatuen über dem Haupteingang Belgische Nationalbank © Museum der Belgischen Nationalbank

Aluminiumstatuen über dem Haupteingang Belgische Nationalbank © Museum der Belgischen Nationalbank

 

Marcel Rau © Belgische Nationalbank

Marcel Rau © Belgische Nationalbank

Marcel Rau, der 1886 in Brüssel geboren wurde und dort Bildhauerei und Architektur studierte, hatte bereits einige Berufserfahrung, als er mit der Verzierung des Bankgebäudes beauftragt wurde. Ende der 20er-Jahre war er ja schon für die Fassadenverzierung der Université libre de Bruxelles verantwortlich. Seine blühende Karriere begann, als er 1909 den Rompreis für Bildhauerei gewann, der mit einem Reisestipendium verbunden war. Dies ermöglichte es ihm, auf Kunst- und Architekturreisen durch Europa zu gehen. 1915 wurde er als Oberschulrat für Kunsthandwerk und Architektur im Kunstunterricht eingesetzt. Neben dieser offiziellen Funktion erhielt er zahlreiche öffentliche und private Aufträge. Nach dem Ersten Weltkrieg entwarf er verschiedene Kriegerdenkmäler, unter anderem in Halle, Vielsalm und
Oostende. Sein bekanntestes Werk ist wohl das 15 Meter hohe Standbild von König Albert I, das er 1939 anlässlich der „Exposition internationale de l’eau“ in Lüttich schuf. Marcel Rau verstarb 1966.
Obwohl Rau Architektur studiert hatte und im Architektenmilieu aufgewachsen war – sein Vater, Jules Rau, war ein namhafter Architekt und Victor Horta war sein Pate – wollte er nicht eine Karriere als Architekt aufbauen. Er pflegte aber weiterhin engen Kontakt mit der Architekturwelt. So war er zum Beispiel eng befreundet mit Marcel van Goethem, mit dem er später am neuen Hauptgeschäftssitz der Belgischen Nationalbank zusammenarbeitete.

Rau war allerdings nicht nur als Bildhauer tätig, sondern entwarf auch zahlreiche Münzen und Medaillen. Er war verantwortlich für das Design von insgesamt 10 Münztypen. Die bekannteste Münze aus seinem Werk ist wahrscheinlich die bronzefarbene Münze über 50 Centimes aus dem Jahr 1952, auf der der Kopf eines Bergmanns abgebildet ist. Das Motiv der Münze war vorgegeben und Rau musste sich mit einem anderen Graveur, Armand Bonnetain, messen, aber er erhielt den Auftrag. Als die Münze mit dem Kopf des Bergmanns herauskam, kam bereits schnell die Frage auf, wer für diese Münze Modell gestanden hatte. Viele nahmen an, dass die Zeichnung, die der französischer Künstler Gustave Pierre von dem Bergmann Louis Delplancq angefertigt hatte, Rau als Inspiration gedient hatte. Delplancq erzählte dies später auch selbst so. Leute aus dem persönlichen Umfeld von Marcel Rau widersprechen dieser Behauptung aber. Ihnen zufolge ließ sich Rau von Donatello und Constantin Meunier inspirieren.

Bronzen munt van 50 centiem met mijnwerkershoofd

Bronzefarbene 50-Centimes-Münze mit Bergmannskopf und brennender Grubenlampe © Museum der Belgischen Nationalbank

Marcel Rau ist zudem der einzige, der König Leopold III jemals auf belgischem Geld abgebildet hat. Das Portrait von Leopold III ist, aufgrund der sogenannten „Königsfrage“ (Koningskwestie bzw. Question royale), auf keiner einzigen, in Umlauf gebrachten Banknote zu finden. Es bestanden zwar Pläne, den König auf einer Banknote abzubilden, aber wegen der Polemik rund um seine Person wurden diese Geldscheine nicht in den Verkehr gebracht. Sein Portrait ziert aber eine Reihe von Münzen aus den 30er-Jahren, die von Rau entworfen wurden.

In der vielseitigen Karriere von Marcel Rau kam das Thema Geld also auf verschiedene Weisen zum Ausdruck: im Entwurf von Münzen genauso wie in der Verzierung des Hauptgebäudes des Ausgebers der belgischen Münzen und Banknoten, der Belgischen Nationalbank.

Sien Smits
Museumsführerin

Bibliografie

  • De Lathauwer, G. „De laatste halve frank“, In de kijker, Januar 2011, nachgeschlagen am 14. April 2015.
  • Het vorstenportret op munt en biljet (1830-1991), Ausstellungskatalog, Museum der Belgischen Nationalbank, Brüssel, 1991.
  • Kauch, P. „De gebouwen van de Bank te Brussel. II“, in NBB, 3, 1964.
  • „Marcel Rau. Schepper van de ‘Gildepenningen’“, in NBB, 2, 1952.
  • Rau, Marcel“, in De Inventaris van het Onroerend Erfgoed, nachgeschlagen am 10. April 2015.
  • Vandamme, L. und Bernier, D. „Marcel Rau, graveur van Leopold III“, in Jaarboek Europees Genootschap voor Munt- en Penningkunde, 1998.