Pointillismus im Digitalzeitalter: das Fotomosaik von Robert Silvers  Share

Besucher des temporären Museums haben es sicherlich bereits gesehen: eine riesige 500 Euro-Banknote, die seit einigen Monaten dort ausgestellt wird. Der beeindruckende Geldschein ist 1,2 Meter hoch und 2,3 Meter breit. Tritt man näher, stellt man fest, dass sich der Schein aus vielen tausend kleinen Geldscheinen zusammensetzt. Das Werk mit dem Titel 500 euro fällt unter die Gattung der Fotomosaiken. Es wurde 2001 von Robert Silvers, einem 1968 in New York geborenen Künstler, geschaffen. Die Arbeiten von Robert Silvers entstehen durch die Kombination von Computer und Fotografie. Aus diesem Grund sieht er sich selbst gleichermaßen als Informatiker und Künstler.

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Euro 500 © Photomosaic™

Ein Fotomosaik oder fotografisches Mosaik ist in der Regel die Abbildung eines Fotos, das aus mehreren rechteckigen Kacheln besteht, die selbst wiederum andere Fotos abbilden. Da das Mosaik stark vergrößert ist, ergibt die Verschmelzung dieser Kacheln ein Gesamtbild: das Foto selbst. Ein Fotomosaik besteht folglich aus Hunderten oder sogar Tausenden kleinerer Einzelbilder.

Für die Gestaltung der ersten Fotomosaiken wurden die Fotos des Mosaiks, die letztendlich das Gesamtbild ergeben, früher noch manuell nach Farben ausgewählt. Heute werden zur Gestaltung von Fotomosaiken zwei verschiedene Techniken verwendet. Die erste Technik ist die einfachste, denn sie weist jeder Kachel ausschließlich einer Farbe zu. Alle möglichen Fotos, die eine Kachel ersetzen können, werden ebenfalls in eine Farbe umgewandelt. Jede farbige Kachel wird anschließend durch ein Foto derselben Farbe ersetzt. Bei der zweiten Technik werden hingegen sämtliche Pixel jedes Kachelbereichs mit sämtlichen entsprechenden Pixel aller Fotos verglichen. Die Kachel wird sodann durch das Foto ersetzt, dessen Pixel die höchste Übereinstimmung aufweisen. Die mit diesem zweiten Verfahren erstellten Fotomosaike sind deshalb qualitativ hochwertiger, denn das Originalfoto wurde de facto nicht verändert.

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Selbstporträt von Robert Silvers © Photomosaic™

1995 entwickelte Robert Silvers einen Algorithmus zur Erstellung von Fotomosaiken mit einem spezifischen Computerprogramm. Der Künstler entwickelte diese Technologie noch während seines Studiums am Institute of Technology von Massachussetts. Er gab seinen Kreationen den Namen Photomosaics. 1997 erhielt er das Patent für diese Bezeichnung und das Fotomosaik-Herstellungsverfahren.

Das Computerprogramm ist natürlich nur für die Gestaltung seiner eigenen Bilder einsetzbar. Zur Erzielung des gewünschten Effekts nimmt Silvers zunächst eine sorgfältige Auswahl der Bilder nach Maßgabe ihrer Beziehung zu dem ihm vorschwebenden Hauptmotiv des Mosaiks vor. Diese Bilder werden entweder aufgrund ihrer eindeutigen Beziehung zum Hauptmotiv ausgewählt, oder weil der Künstler ein geniales Verwirrspiel mit ihnen im Sinn hat. Nach ihrer Auswahl werden über Tausend Bilder eingescannt. Das Computerprogramm setzt nun das passende Bild an die richtige Stelle im Mosaik. Das Porträt von Marilyn Monroe beispielsweise setzt sich aus 1.776 Einzelfotos zusammen, die der Fotograf Bruno Bernard während ihrer Karriere von ihr aufgenommen hat. Seine Interpretation von Nuit étoilée von Van Gogh beruht auf 3.250 Bildern des Weltraumprogramms der NASA. Jedes Fotomosaik wird auf Papier gezogen und anschließend auf Aluminium fixiert, dessen Oberfläche abschließend lackiert wird, damit das Bild schöner glänzt und geschützt ist. Hauptthema von Robert Silvers ist das Porträt.

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Magritte © Photomosaic™

Dass die Arbeiten von Robert Silvers zu den besten zählen, beweist die Liste seiner Kundenreferenzen. So schuf er Werke für Disney, Audi, Bayer, Mastercard International und National Geographic. Zum 60-jährigen Bestehen des Life Magazine erhielt Silvers den Auftrag für die Gestaltung der Titelseite. Es handelt sich um ein Foto von Marilyn Monroe, das aus den Titelseiten der Zeitschrift der letzten Jahre besteht.

 Das jüngste Großprojekt von Robert Silvers war für die Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien: Er schuf das größte existierende Mosaik für die Happiness Flag von Coca-Cola. Diese Flagge mit einer Fläche von 3.015 m2 wurde auf dem Spielfeld des Fußballstadions in Sao Paulo für das Eröffnungsspiel am 12. Juni enthüllt. Das ursprüngliche Flaggen-Projekt stammt von dem brasilianischen Street-Artisten Spetov und dem argentinischen Künstler Tec, deren Bilder sodann an Robert Silvers geschickt wurden, damit er sie in ein Fotomosaik umsetzen konnte. Für die Komposition konnten Fans aus der ganzen Welt ihre Fotos per Internet und über die Sozialen Medien einsenden. Insgesamt waren über 220.000 Personen aus 207 Ländern an der Gestaltung des riesigen Mosaiks beteiligt. Die Flagge kann noch immer im Internet bewundert und auf die gewünschte Größe gezoomt werden. Dieses Projekt soll die Message von Coca-Cola zum Ausdruck bringen, dass Fußball eine unglaublich positive Kraft besitzt, die alle sozialen, kulturellen und geografischen Grenzen überwindet. Die Happiness Flag versinnbildlicht diese Kraft durch eine Erfahrung, an der Menschen aus der ganzen Welt teilnehmen konnten.

Robert Silvers hat bereits in der Vergangenheit einige riesige Banknoten gestaltet. So hat er außer dem 500 Euro-Schein, der im temporären Museum ausgestellt ist, bereits 1- und 100 Dollarnoten, eine 100-kanadische Dollarnote sowie 1 Yuan- und 20-Pfundscheine erstellt. Hinzu kommt ein Fotomosaik mit einem Ausschnitt aus der 1-Dollarnote mit dem Porträt des amerikanischen Präsidenten George Washington. Ein ähnliches Werk stellt den Wissenschaftler und Politiker Benjamin Franklin auf einem 100-Dollarschein dar.

Nimmt man sich die Zeit für eine genauere Betrachtung des Mosaiks 500 Euro, so erkennt man, dass das Werk aus Banknoten aus der ganzen Welt zusammengesetzt ist, die zu unterschiedlichen Epochen in Umlauf waren. Zwar werden die meisten Kacheln durch ganze Geldscheine ersetzt, doch sind einige auch mit Ausschnitten von Banknoten gefüllt, die sicherlich aufgrund ihrer Farben gewählt wurden. Zu erkennen sind Banknoten aus China, Großbritannien, Paraguay, Litauen, Ghana, Ägypten, Singapur und Mauritius.

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Ausschnitt aus 500 Euro © Photomosaic™

 

Rückseite des vom Finanzministeriums ausgegebenen 50-Franken-Scheins aus dem Jahr 1966.

Rückseite des vom Finanzministeriums ausgegebenen 50-Franken-Scheins aus dem Jahr 1966.

Nimmt man das Fotomosaik als Gesamtbild unter die Lupe, erkennt man auch mehrere belgische Banknoten. Tatsächlich kommen 100- und 200-Franken-Scheine mit den Porträts des Malers und Bildhauers James Ensor und des Instrumentenbauers Adolphe Sax sogar mehrfach zum Vorschein. Diese Banknoten waren von 1995 beziehungsweise 1996 bis 2002 im Umlauf. Die 1.000-Franken-Banknote mit dem Bild des im 19. Jahrhundert lebenden Komponisten André Grétry, die von 1980 bis 1997 im Umlauf war, wurde ebenfalls im Fotomosaik verarbeitet. Die letzte im Mosaik repräsentierte belgische Banknote ist die 50-Franken-Banknote. Sie wurde vom Finanzministerium ausgegeben und trägt das Konterfei von König Baudouin und Königin Fabiola. Sie war 22 Jahre lang bis 1988 im Umlauf, als sie erneut durch eine Münze ersetzt wurde. Aus diesem Grund ruft der kleine Geldschein bei vielen Belgiern nostalgische Gefühle hervor. Die Banknote ist für die Nachwelt jetzt auch als Bestandteil des Fotomosaiks von Robert Silvers verewigt. Besuchen Sie das temporäre Museum und entdecken Sie die unzähligen Einzelbilder des Mosaiks.

Nina Van Meerbeeck
Museumsführer

 

Bibliografie