Vom Speicher ins Museum oder die Aufwertung unserer Sammlungen  Share

Als Besucher ist man bisweilen geneigt zu glauben, dass die wichtigste Aufgabe eines Museums darin besteht, anhand seiner Sammlungen das Publikum zu informieren. In Wirklichkeit erfüllt eine museale Einrichtung weit mehr Funktionen. Laut ICOM1 handelt es sich nämlich um eine permanente der Öffentlichkeit zugängliche Institution ohne Erwerbszweck, die das Erbe der Menschheit ausstellt und übermittelt. Ein Museum hat jedoch auch die Aufgabe, dieses Erbe zu erwerben, zu untersuchen und zu bewahren. Auf der letztgenannten Aufgabe der Bewahrung liegt in diesem Juni der Schwerpunkt von „Unter der Lupe“.

Nach der Verlegung des Museums in die De Berlaimontlaan wurde der Beschluss gefasst, einige Sammlermünzen, die sich am besten in die neue Museumslandschaft einfügen oder ganz einfach noch nicht öffentlich ausgestellt worden waren, aufzuwerten. Dadurch konnten einige Sammlermünzen näher untersucht werden, wobei großen Wert auf ihren guten Erhaltungswert gelegt wurde.

Das erste Element, mit dem wir uns beschäftigt haben, ist das Modell des derzeitigen Gebäudes der Nationalbank, das nach dem Zweiten Weltkrieg von dem Architekten Marcel Van Goethem errichtet wurde. In der Tat schien es angebracht, dem Besucher eine Gesamtansicht des Gebäudes zu vermitteln, in dem er sich bei seinem Besuch befindet. Bei der Gegenüberstellung mit dem Modell des von Henri Beyaert fast ein Jahrhundert zuvor erstellten Gebäudes der Nationalbank lässt sich am besten die Entwicklung der Bankenarchitektur erkennen und eine konkrete Vorstellung von den Ausmaßen des Gebäudes gewinnen. Zur damaligen Zeit profitierte man aufgrund des Projekts der Verbindungsstrecke zwischen den Bahnhöfen Brüssel Nord und Brüssel Midi von verschiedenen Umgestaltungen des Viertels, um mehrere Grundstücke zu erwerben, auf denen das jetzige Gebäude der Nationalbank errichtet wurde.

Modell des derzeitigen Gebäudes der Nationalbank vor der Renovierung © Museum der Belgischen Nationalbank

Modell des derzeitigen Gebäudes der Nationalbank vor der Renovierung © Museum der Belgischen Nationalbank

Modell des derzeitigen Gebäudes der Nationalbank nach der Renovierung © Museum der Belgischen Nationalbank

Modell des derzeitigen Gebäudes der Nationalbank nach der Renovierung © Museum der Belgischen Nationalbank

Um sie im Museum präsentieren zu können, war es jedoch notwendig, das Modell zu restaurieren. Es war nämlich in den 1980er-Jahren entworfen worden und brauchte eine Verjüngungskur. Zu diesem Zweck setzten wir uns mit der Brüsseler Werkstatt für Architekturmodellbau in Verbindung, die damals die Arbeit durchgeführt hatte. Es wurde beschlossen, die weiße Farbe für das gesamte Modell beizubehalten, um die Nüchternheit des Gebäudes so gut wie möglich widerzugeben. Es wurden jedoch einige Elemente hinzugefügt, um noch näher an der Realität zu bleiben. So wurde eine Plexiglas-Abdeckung angebracht, um die Dachverglasung, die einen Teil der Nationalbank überspannt, nachzuempfinden. Am nördlichen und südlichen Ende des Gebäudes wurden auch die „Kniende Frau“ von Charles Leplae bzw. die „Sitzende Frau“ von George Grard hinzugefügt. Diese Figuren wurden anhand bestehender Personen aus Polyester erstellt und so umgestaltet, dass sie dem Profil der echten Skulpturen entsprachen. Die an der Nord- und Südfassade angebrachten Steinelemente blieben dagegen bei dem Modell unberücksichtigt, da dessen Maßstab dies nicht zuließ.

„Gildeschilder“ an der Nordfassade der Belgischen Nationalbank © Belgische Nationalbank

„Gildeschilder“ an der Nordfassade der Belgischen Nationalbank © Belgische Nationalbank

In den Sammlungen des Museums gibt es jedoch mehrere Gipsmodelle, anhand derer diese Zierelemente aus der Mitte des 20. Jahrhunderts gefertigt wurden. Dies geschah durch den Bildhauer und Münzstecher Marcel Rau, der versuchte, ein Gleichgewicht zwischen den klaren Linien des Gebäudes und den Verzierungselementen zu finden. So erinnerten diese Ornamente, die sogenannten „Gildeschilder“, nicht nur an die Form der Geldmünzen, die zweifellos eine Verbindung zur Funktion des Gebäudes herstellt, sondern sie sind auch Träger  einer Symbolik, die sich den Besuchern vielleicht nicht auf den ersten Blick erschließt. Der Name bezieht sich nämlich auf die von den Mitgliedern der Genossenschaften im Mittelalter hergestellten Schilder, auf deren Rückseite die Berufe abgebildet waren. Marcel Rau schuf 56 Gildeschilder und ehrte somit 56 mehr oder weniger alte Berufe. Dazu zählten beispielsweise der Schuhmacher, der Florist oder aber der Eisenbahner. Ganz allgemein symbolisieren diese Elemente das wirtschaftliche Leben. Der Künstler war darum bemüht, die verschiedenen Projekte eines nach dem anderen zu verwirklichen, um die ganzheitliche Inspiration zu wahren und eine homogene Serie zu schaffen.

Gipsmodell eines der Gildeschilder an der Nordseite des Gebäudes der Nationalbank © Museum der belgischen Nationalbank

Gipsmodell eines der Gildeschilder an der Nordseite des Gebäudes der Nationalbank © Museum der belgischen Nationalbank

Die drei Gildeschilder-Modelle, zu deren Ausstellung im Museum wir uns entschlossen haben, wurden nicht zufällig ausgewählt. Das erste bezieht sich auf die Architektur und steht mit dem Thema des Saals, in dem es ausgestellt ist, in Zusammenhang. Das zweite stellt den Handel dar, während auf dem dritten ein Bienenkorb dargestellt ist und so den Bezug zur Imkerei herstellt. Auch hierbei ist die Auswahl nicht willkürlich, da die Biene ein in der Geschichte des Bankenbaus weit verbreitetes Symbol für das Sparen ist.

Die Biene war in der Tat im Gebäude der Nationalbank, das ab Beginn der 1860er-Jahre von dem Architekten Henri Beyaert gebaut wurde, ein immer wieder aufgegriffenes Motiv. Um die ständige Wiederkehr dieses Themas und die beim Bau der Bank allgemein verwendete Symbolik zu verdeutlichen, wurde der Beschluss gefasst, eine aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts datierende Skulpturengruppe aus dem in der Rue de la Banque befindlichen Gebäude auszustellen.

Diese Skulptur aus bemaltem Gips stellt zwei Putten rechts und links von einem Bienenkorb dar – erneut eine Anspielung auf das Sparen. Die erste Putte hält einen Hammer in der Hand, womit die Arbeit symbolisiert wird, während die zweite einen mit Münzen gefüllten Beutel trägt. Zusammengenommen unterstreichen diese verschiedenen Attribute die Wichtigkeit der Arbeit für das Geldverdienen. Diese Skulptur stand ursprünglich auf einem Sims im Haupttreppenhaus des Gebäudes. Da die beiden jungen Kinder schon von weitem gesehen werden sollten, waren sie absichtlich übertrieben dargestellt, wodurch unter anderem ihr Gesichtsausdruck betont wurde.

In Restauration befindliche Skulptur von zwei Putten um einen Bienenkorb © Museum der Belgischen Nationalbank

In Restauration befindliche Skulptur von zwei Putten um einen Bienenkorb © Museum der Belgischen Nationalbank

Auch hier erwies es sich als unerlässlich, die Skulpturengruppe zu restaurieren, bevor sie im Museum aufgestellt wurde. Zu diesem Zweck wurden in den Archiven der Nationalbank Recherchen angestellt, um den Spezialisten so viele Informationen wie möglich an die Hand zu geben. Die Identität des Künstlers konnte jedoch nicht in Erfahrung gebracht werden. Was die Erhaltungsmaßnahmen betrifft, so wurde mit Zustimmung der Restauratoren beschlossen, eine Gesamtreinigung vorzunehmen und die Farbe zu fixieren, die sich an einigen Stellen gelöst hatte. Außerdem wurde beschlossen, die Originalfarbe zu bewahren und nur Ausbesserungen vorzunehmen, damit die Skulpturengruppe authentisch bleibt. Einige fehlende Teile wurden jedoch anhand eines Modells der Skulptur so wiederhergestellt, wie sie ursprünglich aussahen.

Stéfane Antoine
Museumsführerin

Bibliografie

  • Deblon V., Die belgische Nationalbank: eine moderne Architektur, Museum der Belgischen Nationalbank, Mai 2012.
  • „Définition du musée“ in Icom, 2010-2012.
  • Maes A., „Marcel Rau, créateur des „méreaux“ – Marcel Rau, schepper van de gildepenningen“ in Revue du personnel de la Banque nationale de Belgique, 2, 1952.
  • Marcel Van Goethem. Architecte D.P.L.G. Œuvres et études. 1940-1959, Brüssel, Belgische Nationalbank, s.d.

1Internationaler Rat der Museen