Alexander der Große – halb Mensch, halb Gott  Share

Mosaik von Alexander um 100 v. Chr., Nationales archäologisches Museum von Neapel © Wikipedia

Mosaik von Alexander um 100 v. Chr., Nationales archäologisches Museum von Neapel © Wikipedia

Nach den Worten des Historikers N.G.L. Hammond hat niemand die Geschichte der Menschheit so verändert wie Alexander der Große. Es ist daher nicht erstaunlich, dass diese historische Persönlichkeit noch immer umstritten ist: War er ein militärisches Genie oder eher ein mörderischer Eroberer? Es ist also höchste Zeit, dass wir eine Ausgabe von „Unter der Lupe“ diesem vergöttlichten Strategen und seinen Münzen widmen.

Alexander der Große wurde 356 v. Chr. mit dem Titel Alexander III von Mazedonien geboren. Sein Vater, Philipp II, hatte die meisten Siedlungen des griechischen Festlands unter mazedonische Vorherrschaft gestellt. Alexander begleitete ihn schon von jüngster Kindheit an bei seinen Feldzügen. Der junge Mann erhielt auch eine solide theoretische Ausbildung von einem nicht weniger berühmten Privatlehrer, dem Philosophen Aristoteles. Im Alter von 20 Jahren bestieg Alexander nach der Ermordung seines Vaters den Thron und führte dessen Werk fort. Er unterwarf zunächst Anatolien, den Libanon, Ägypten und danach das gesamte persische Königreich. Durch diese Eroberungen war das Reich von Alexander riesig. Es erstreckte sich von der Adria bis zum Indus. Danach träumte Alexander davon, „die Grenzen der Welt und den äußeren Ozean, der die Erde umgibt“ zu erreichen. Im Jahr 326 v. Chr. ließ er seinen Worten Taten folgen und überfiel mit seinen Truppen Indien. Trotz der militärischen Erfolge weigerten sich seine Männer, ihm weiter zu folgen. Auf dem Rückweg verstarb der damals 32-jährige Alexander in Babylon. Nach seinem Tod zerfiel sein Königreich in kleine Staaten, die von seinen Generälen, den Diadochen, regiert wurden. Das wichtigste Erbe Alexanders bleibt die in den eroberten Gebietet verbreitete hellenische Kultur. Der göttliche Status, der ihm bei seinem Tod verliehen wurde, wurde durch verschiedene Legenden gefördert, die sich bereits zu seinen Lebzeiten um ihn rankten.

Das Königreich von Alexander dem Großen vor seinen Tod im Jahr 323 v. Chr. © Wikipedia

Das Königreich von Alexander dem Großen vor seinen Tod im Jahr 323 v. Chr. © Wikipedia

Die Feldzüge von Alexander dem Großen trugen zu einer großen Stabilität und einer Uniformität bei der Münzprägung bei. Bei der Eroberung des Persischen Reiches eignete sich Alexander rund 300 Tonnen Gold und 200 Tonnen Silber an. Die Herstellung von Münzen war der vorrangige Verwendungszweck dieser Kriegsbeute. Darüber hinaus ließ er in den Prägestätten der besiegten Gebiete die bestehenden Münzen einschmelzen, um sein eigenes Geld herzustellen. Diese Münzen hatten alsbald eine größere Verbreitung als irgendeine andere Währung zuvor. Zum ersten Mal waren so viele verschiedene Gebiete vereint und zahlten mit derselben Währung.

Die Münzen von Alexander sind die Goldstatere, die Silberdrachmen, die Tetradrachmen in Silber und der Hemiobol aus Bronze. Die Tetradrachmen und Statere ersetzten in einigen Jahrzehnten die in den eroberten Gebieten bestehende Währung. Die Tetradrachmen von Alexander hatten denselben Wert und waren bewusst genauso stabil wie die attischen Tetradrachmen, die lange Zeit als internationales Zahlungsmittel verwendet wurden. Als Athen erobert war, wurde die Prägung der attischen Tetradrachmen eingestellt. Die Tetradrachmen von Alexander waren so populär, dass sie überall akzeptiert wurden. Diese Popularität führte dazu, dass seine Münzen außerhalb seines Königreichs kopiert wurden.

Vorderseite des Tetradrachmen von Alexander dem Großen © Museum der Belgischen Nationalbank

Vorderseite des Tetradrachmen von Alexander dem Großen © Museum der Belgischen Nationalbank

Die Abbildungen auf den alexandrinischen Tetradrachmen waren griechischen Ursprungs. Der silberne Tetradrachmen, der im Provisorischen Museum bestaunt werden kann, zeigt auf der Vorderseite ein Kopfbildnis von Herakles oder Herkules, einem heroischen Halbgott, der für seine zwölf Arbeiten bekannt ist. Die erste dieser Aufgaben bestand darin, den Nemeischen Löwen zu töten. Keine Waffe konnte das Tier verletzen. Schließlich erwürgte Herkules den Löwen mit bloßen Händen. Anschließend häutete er das Tier und beschloss, das dichte Fell als Rüstung und den Kopf als Helm zu tragen. Mit diesem Kopfschmuck ist Herkules auf dem Tetradrachmen von Alexander dem Großen abgebildet. Die Mähne und das Ohr des Löwen sind detailliert wiedergegeben. In Mazedonien wurde Herkules als Stammvater der Königsdynastie verehrt. Es ist also kein Zufall, dass Alexander dessen Kopfbildnis für seine Münzen auswählte.

Rückseite des Tetradrachmen von Alexander dem Großen © Museum der Belgischen Nationalbank

Rückseite des Tetradrachmen von Alexander dem Großen © Museum der Belgischen Nationalbank

Auf der Rückseite der Silbermünze war der Gottvater Zeus auf einem Thron sitzend mit einem Adler in der einen Hand und einem Zepter in der anderen abgebildet. Hinter dem Rücken von Zeus steht senkrecht „Von Alexander“ geschrieben, um daran zu erinnern, dass es sich um seine Münzen handelt. Auf der Höhe seiner Knie befindet sich ebenfalls ein Monogramm. Da sein riesiges Reich so viele verschiedene Gebiete umfasste, musste Alexander einer Vielzahl unterschiedlicher Erwartungen und Forderungen gerecht werden. Aus diesem Grund beschloss er, auf seinen Münzen wichtige und bekannte Figuren wie Athene, Zeus oder Herkules darzustellen. Es gibt auch eine Verbindung zwischen Vorder- und Rückseite dieser Münze: Zeus ist nämlich der Vater von Herkules. Und laut einer zeitgenössischen Legende war Alexander der Sohn von Zeus und nicht der von Philipp II. Diese Legende entstand angeblich bei dem Besuch, den Alexander dem Orakel von Ammon in einer Oase in der ägyptischen Wüste abstattete und wo er von dem Hohepriester mit den Worten „O du Sohn des Zeus“ empfangen wurde. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Lapsus des Hohepriesters, der eigentlich sagen wollte „O mein Sohn“. Es wird oft behauptet, dass Herkules auf der Münze die Gesichtszüge von Alexander dem Großen trage. Der mutige und starke Herkules war für Alexander zweifelsohne ein großes Vorbild und sein größter Held. Obwohl sich Alexander immer als Sohn eines Gottes sah, handelt es sich auf der Münze sicherlich nicht um sein Kopfbildnis. Die Griechen glaubten, dass eine derartige Selbstgefälligkeit den Zorn der Götter heraufbeschwören würde.

Als das Königreich von Alexander zerfiel, blieb das zur Münzprägung geschaffene System einheitlich. Mehr als 100 Jahre nach seinem Tod gaben seine Münzen beim Geldumlauf noch immer den Ton an. Die letzten alexandrinischen Münzen wurden um 65 v. Chr. geprägt.

Kopfbildnis von Alexander auf dem Tetradrachmen von Ptolomäus I. Soter von Ägypten gegen 310-305 v. Chr. ©   http://alexanderthegreatcoins.reidgold.com

Kopfbildnis von Alexander auf dem Tetradrachmen von Ptolomäus I. Soter von Ägypten gegen 310-305 v. Chr. © http://alexanderthegreatcoins.reidgold.com

Kurz nach seinem Tod erschien sein Kopfbildnis auf den Silbermünzen des Diadochen Ptolomäus I. Soter von Ägypten. Es handelt sich in Wirklichkeit um Herkules, der aber Alexanders Gesichtszüge trägt. Es ist möglich, dass das Modell dieser Münze ein Idol von Alexander in Alexandrien ist. Alexander wurde auf den Gold- und Silbermünzen hellenistischer Herrscher wie Seleukos I. von Syrien abgebildet. So legitimierten sie ihre von der Gottheit Alexander erhaltene Macht gegenüber ihren Feinden und den unterworfenen Völkern.

Im Jahr 305 v. Chr. ließ Ptolomäus I. von Ägypten als Erster sein eigenes Kopfbildnis auf seiner Münze darstellen. Es ging darum, seine Macht zu legitimieren, aber es ist auch ein Propagandamittel. Außerdem war der Monarch Teil des Dynastiekults, denn er wurde zu Lebzeiten wie ein Gott verehrt. Die anderen Dynastien folgten seinem Beispiel. Durch die römischen Kaiser breitete sich diese Tradition der Portraits auf den Münzen im Westen aus. Noch heute lassen sich Spuren dieses Erbes bei uns erkennen: Der König der Belgier ist auf unseren Euro-Münzen abgebildet.

Nina Van Meerbeeck
Museumsführerin

Bibliografie

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