Marcel Van Goethem oder der Beyaert des 20. Jahrhunderts der Nationalbank  Share

Im Jahr 2013, besuchten 31 641 Personen das Museum in der Rue du Bois Sauvage. Wie Sie vielleicht schon wissen, wird bald ein neues Museum seine Pforten in der Berlaimontlaan öffnen. Die Februarausgabe von „Unter der Lupe“ ist deshalb dem Gebäude gewidmet, in dem das Museum untergebracht ist, sowie dem Werk seines Erbauers Marcel Van Goethem.

Portrait von Marcel Van Goethem

Portrait von Marcel Van Goethem
© Sado, Brüssel

Marcel Van Goethem wurde am 7. Juni 1900 in Brüssel geboren. Er begann sein Studium an der Akademie der Schönen Künste in Brüssel und ging dann nach Frankreich, wo er seine Ausbildung an der Schule der Schönen Künste in Paris fortsetzte. Er schloss sie im Alter von 25 Jahren mit dem Diplom ab. Nach seiner Rückkehr nach Belgien war er lange Jahre Mitarbeiter und Geschäftspartner des Architekten Alexis Dumont, mit dem er verschiedene öffentliche und private Gebäude schuf. Als Beispiel dafür lassen sich unter anderem das 1934 fertiggestellte Bürogebäude „Shell‘ in der Ravensteinlaan oder das in derselben Straße liegende Bürogebäude der Assurances Générales de Trieste, das 1936 eingeweiht wurde, nennen.

Gebäude der Assurances Générales de Trieste von M. Van Goethem und A. Dumont.

Gebäude der Assurances Générales de Trieste von M. Van Goethem und A. Dumont.
© Malvaux

Neben seinem Beruf als Architekt widmete sich Van Goethem der Ausbildung. So war er ab 1929 Architekturdozent an der Ecole de Dessin in Saint-Josse, die er dann von 1937 bis 1945 leitete. Er war auch Mitglied des Prüfungsausschusses der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Brüssel. Einige Jahre später, nämlich 1948, war er außerdem Lehrbeauftragter der Fakultät für Angewandte Wissenschaften an der Freien Universität Brüssel.

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, genauer gesagt am 1. Februar 1940, wurde Marcel Van Goethem zum Architekten der Belgischen Nationalbank ernannt. Die neuen Gebäude wurden jedoch erst ab 1946 errichtet, da das Projekt durch den Zweiten Weltkrieg verzögert wurde. Das aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammende Gebäude war in der Tat zu klein geworden, um den Anforderungen der Zentralbank zu genügen. Zudem machte es die Verwirklichung des Projekts einer Eisenbahnverbindung zwischen den Bahnhöfen Nord und Midi erforderlich, genau vor dem Gebäude zu graben. Dabei wurden Gebäude enteignet, und die Nationalbank nutzte dies, um den Mangel an Arbeitsräumen zu beheben und eine neue Druckerei zu bauen.

Im Rahmen dieses Projekts unternahm Van Goethem mehrere Studienreisen nach England, in die Schweiz, nach Skandinavien und in die Vereinigten Staaten. Er nahm sich auch die Zeit, alles zu dokumentieren, um sein Werk mit allen technischen Neuerungen auszustatten, die am Ende des Weltkriegs aufkamen. Dazu gehörten Hebefensterrahmen aus Aluminium, mobile Trennwände, Hochgeschwindigkeitsaufzüge mit automatischen Türen oder auch die Klimaanlage und die fluoreszierende Deckenbeleuchtung.

Schalterhalle der Belgischen Nationalbank.

Schalterhalle der Belgischen Nationalbank.
© Museum der Belgischen Nationalbank

Was die praktische Umsetzung der Pläne betrifft, so wurde der Grundstein am 20. Januar 1948 gelegt, und die Arbeiten dauerten mehr als zehn Jahre lang. Das war eine Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass die neuen Gebäude größtenteils auf den Ruinen des alten Gebäudes stehen, die heute fast vollständig beseitigt sind. Außerdem wurde der Geschäftsbetrieb in dieser Zeit keinen einzigen Tag unterbrochen. Das monumentale Werk ist durch eine klare Struktur gekennzeichnet. An seiner Fassade sind hohe, schmale Steinsäulen angebracht. Wie bei anderen Projekten arbeitete Van Goethem mit Ingenieuren zusammen, um die Widerstandsfähigkeit der Gebäude gegen Wind sicherzustellen. Vom ästhetischen Standpunkt aus sehen diese Säulen in gewisser Weise wie ein Gitter aus, das das Gebäude verschließt und gleichzeitig lichtdurchlässig ist.

Nord- und Westfassade des Verwaltungsgebäudes der Nationalbank.

Nord- und Westfassade des Verwaltungsgebäudes der Nationalbank.
© Museum der Belgischen Nationalbank

Das Gebäude ist im Übrigen so konzipiert, dass es die Sicherheit des Standorts gewährleistet. Aus diesem Grund gibt es trotz der großen Ausmaße der Konstruktion nur einen einzigen Eingang für das Publikum. Der um das Gebäude herum angebrachte Zaun dient dem gleichen Zweck. So entschloss man sich auch für die Trennung zwischen dem Verwaltungsgebäude und der Banknotendruckerei, die durch den Boulevard getrennt sind. Die beiden Gebäude sind jedoch durch einen 32 Meter langen unterirdischen Gang miteinander verbunden.

Was Verzierungen betrifft, so ist die Fassade des Verwaltungsgebäudes mit Figuren geschmückt, die sich auf Höhe des öffentlichen Eingangs befinden. Die auf den Rotunden im Norden und Süden angebrachten Reliefs, sogenannte „Méreaux“, die an verschiedene Berufe erinnern, stammen vom selben Künstler, nämlich von Marcel Rau. Rechts und links von der Fassade stehen außerdem zwei große weibliche Skulpturen, von denen die Sitzende Frau im Süden von Georges Grand und das Kniende Mädchen im Norden von Charles Leplae geschaffen wurden.

Kniendes Mädchen von Charles Leplae.

Kniendes Mädchen von Charles Leplae.
© Museum der Belgischen Nationalbank

Die Karriere von Marcel Van Goethem ist damit jedoch nicht beendet. Im Jahr 1953 wird er Stellvertreter von Paul Bonduelle, dem leitenden Architekten der 1958 in Brüssel stattfindenden Internationalen Weltausstellung. Er übernahm 1955 dessen Amt und sorgte so für die architektonische Abstimmung dieser großen Veranstaltung. Van Goethem wollte, dass die Architekten aller Länder die Ausstellung als größtes „Versuchslabor“, das es je gab, nutzen konnten. Er drückte keinem Werk seinen Stempel auf, aber war darum bemüht, die Versuche so gut wie möglich zu koordinieren und die Probleme jedes Einzelnen zu verstehen. So ermöglichte er den rund 500 Architekten, Ingenieuren und Ausstattern, unter möglichst guten Bedingungen zu arbeiten.

Zur gleichen Zeit wurde Van Goethem mit dem Entwurf der Pläne für das Hôtel des Monnaies (Münze) beauftragt. Der Finanzminister beschloss 1947, ein neues Gebäude zu errichten, in dem das Schatzamt Münzen prägen würde. Das Gebäude sollte folglich in der Nähe von jenem der Nationalbank gebaut werden, und es wurde ein Grundstück am Boulevard de Pachéco ausgewählt. Was die Wahl des Architekten betraf, so schien es aufgrund der zwischen den Instituten bestehenden Verbindung logisch, den Auftrag an Van Goethem zu vergeben. Dieses Gebäude konnte jedoch letztendlich nicht nach dem vorgesehenen Plan erstellt werden, da die Verwaltung ihre Kredite gekürzt hatte.

Zum Schluss sei daran erinnert, dass der Architekt nicht nur einen Lehrauftrag an der U.L.B. hatte, sondern auch die Pläne für die neuen Universitätsgebäude wie das 1958 eingeweihte große Auditorium Paul-Emile Janson entwarf und die Arbeiten daran leitete. Die Herausforderung bestand unter anderem darin, so schnell und wirtschaftlich wie möglich ein Auditorium mit 1500 Plätzen zu bauen.

Stéfane Antoine
Museumsführer

Bibliografie

  • Deblon V., Die belgische Nationalbank: eine moderne Architektur, Museum der Belgischen Nationalbank, Mai 2012.
  • „In Memoriam“ in Revue mensuelle, veröffentlicht von und für das Personal der Belgischen Nationalbank, Nr. 6, Juni 1959.
  • Marcel Van Goethem. Architekt D.P.L.G. Werke und Studien, 1940-1959, Brüssel, Belgische Nationalbank, s.d.
  • Mardaga P., Le patrimoine monumental de la Belgique. Brüssel. Pentagon N-Z, Lüttich, Soledi, 1994.
  • Van Goethem M., „Immeuble de la Banque nationale à Bruxelles“ in Rythme, Nr. 15, Juni 1953.