Wenn Milda nach Europa kommt  Share

Im Jahr 2014 wird es im Euroraum viele wichtige Zahlen geben. Erstens benutzen wir ab dem 1. Januar seit fünfzehn Jahren den Euro als Rechnungseinheit und seit zwölf Jahren – eine ganz wichtige Zahl, denn es handelt sich um die Anzahl der Sterne auf der europäischen Flagge – als Bargeld. Eine weitere bedeutsame Zahl ist die 18. Warum? Weil das Eurogebiet dann ein neues Mitglied haben wird, nämlich Lettland.

2-Euro-Münze

Lettland wird also nach Estland das zweite Land des Baltikums und nach Zypern, Malta, der Slowakei und Slowenien das sechste Land des Vertrags von Athen von 2003 sein, das dem Euro beitritt. Am 1  Januar 2014 können die Letten also ihren lettischen Lats zu einem festen Kurs von 1 Euro = 0,702804 LVL umtauschen. Diese Euro-Münzen werden in den Staatlichen Münzen Baden-Württemberg in Stuttgart (Deutschland) hergestellt. Die nationale Münzseite ist seit 2006 auf der Website der Latvijas Banka zu sehen. Sie besteht aus drei unterschiedlichen Motiven: Die Münzen zu 1, 2 und 5 Cent stellen einen Teil des Wappens von Lettland dar, die Münzen zu 10, 20 und 50 Cent bilden das vollständige Wappen ab und die Münzen zu 1 und 2 Euro zeigen Milda. Aber wer ist diese Milda?

Statue von Milda

Statue von Milda

Diese Dame ist für die Geschichte Lettlands von herausragender Bedeutung. Milda ist der Kosename der Statue auf dem Freiheitsdenkmal in Riga, das zu Ehren der während des Unabhängigkeitskriegs gefallenen Soldaten errichtet wurde. Dieser Krieg fand von 1918 bis 1920 statt. Die Geschichte Lettlands als Republik beginnt also im Jahr 1920, aber die Geschichte der Region reicht natürlich viel weiter zurück. Baltische Völker sind seit dem 3. Jahrtausend vor Christi Geburt aktenkundig. Die Unabhängigkeit Lettlands wird nach einer mehrere Jahrhunderte andauernden russischen Herrschaft ausgerufen. Im Großen Nordischen Krieg wird 1710 das Gebiet des Russischen Reiches auf die baltischen Länder ausgedehnt. Nach dieser Eroberung wird eine Statue von Zar Peter dem Großen in Riga errichtet. Das Russische Reich, das bereits durch die Revolution von 1905 und den Ersten Weltkrieg geschwächt war, zerfällt 1917 nach der Machtergreifung durch die Bolschewiken. Dadurch konnte die deutsche Armee Lettland bis zur Unterzeichnung des Waffenstillstands vom 11. November besetzen. Sieben Tage nach der Unterzeichnung erklärt sich Lettland für unabhängig. Einen Monat später übernehmen jedoch die Bolschewiken die Macht und rufen die Lettische Sowjetrepublik aus. Der Unabhängigkeitskampf gegen den Einfluss Russlands dauert fast zwei Jahre. Durch den Vertrag von Riga wird der Konflikt am 11. August 1920 beendet und die Republik Lettland gegründet.

Freiheitsdenkmal

Freiheitsdenkmal

Nach und nach entsteht die Idee eines Denkmals zur Erinnerung an die Soldaten, die für die Unabhängigkeit des Vaterlands gestorben sind; Vordenker ist dabei Premierminister Zigfrids Anna Meierovics. Dieser schreibt 1922 einen Wettbewerb aus. Ein erster Entwurf wird als Sieger erklärt, aber nach dem Protest von 57 anderen Künstlern verworfen. Ein neuer Wettbewerb wird 1929 mit zwei potenziellen Siegern gestartet, aber nach Uneinigkeiten innerhalb der Jury wird die Idee schließlich fallen gelassen. Bei einem letzten Wettbewerb im Jahr 1929 erhält der Bildhauer Kärlis Zäle das Privileg, die Statue zu schaffen; das Denkmal wird von dem Architekten Ernests Štālbergs entworfen. Auf Flachreliefs am Denkmalsockel wird die Geschichte der Unabhängigkeit dargestellt. Das Denkmal befindet sich in Riga genau an der Stelle, an der Peter der Große, das Symbol der russischen Vorherrschaft, thronte. Das Bauwerk wurde durch Privatspenden finanziert, im November 1931 begonnen und 1935 vollendet. Das Denkmal ist 42 Meter hoch und wiegt rund 2 500 Tonnen. Milda symbolisiert also die Freiheit Lettlands, und ihr Bildnis wurde von der Latvijas Banka für die zwischen den beiden Weltkriegen in Umlauf befindliche 5-Lats-Münze ausgewählt.

Durch den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag von 1939 wurden die Karten neu gemischt, vor allem durch ein geheimes Abkommen über das Schicksal Lettlands und Estlands, die dazu „bestimmt“ wurden, zur UdSSR zu gehören. Als Deutschland in den Krieg eintrat, zwang die UdSSR die baltischen Staaten, einen Vertrag über gegenseitigen Beistand zu unterzeichnen, der es der Sowjetunion erlaubte, in diesen Ländern Militärbasen zu errichten. Als die Deutschen im Juni 1940 in Paris einmarschieren, überfällt die UdSSR die baltischen Länder, zwingt ihnen das kommunistische Regime auf und organisiert Wahlen, die zur Ausrufung der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik führen. Riga wird jedoch im Juli 1941 von der deutschen Armee überfallen. Lettland soll als künftige deutsche Kolonie genutzt werden. Die von Nazi-Deutschland und der Sowjetunion durchgeführten Massenvernichtungen waren sehr schmerzhaft für Lettland, das dadurch fast ein Viertel seiner Bevölkerung verlor. Das Ende des Zweiten Weltkriegs führte trotz einer kurzen Phase des Widerstands zur Besatzung durch die UdSSR. Ab 1959 kommt es unter Chruschtschow zu einer Russifizierung des Landes, vor allem bei der Sprache, im Bildungswesen usw. Das Freiheitsdenkmal sollte zerstört und durch die frühere Statue von Peter dem Großen ersetzt werden, aber nichts geschah. Das Bemalen des Denkmals mit den Farben der Nationalflagge wurde von Moskau verboten und mit Deportation nach Sibirien bestraft. Eine Lenin-Statue, die nach Osten schaut, wurde neben dem Denkmal errichtet, das seinerseits nach Westen ausgerichtet ist. Die Sowjetunion interpretierte das Denkmal um: Die drei Sterne stellen die drei baltischen Staaten dar, die von Mütterchen Russland getragen werden. Es soll also errichtet worden sein, um Stalin für die Befreiung der baltischen Völker zu danken. Milda bleibt für die Letten jedoch ein Symbol der Freiheit und des Widerstands. Einige Mutige widersetzten sich dem Verbot und trugen am 18. November, dem Jahrestag der Unabhängigkeit, die alten 5-Lats-Münzen als Wappenschild.

500-Lats-Banknote

500-Lats-Banknote

Ab der Amtsübernahme von Gorbatschow im Jahr 1985 ist eine gewisse Freiheit zu spüren und beginnt die singende Revolution. Ausgangspunkt dieser Revolution ist das Freiheitsdenkmal nach einer von der Gruppe Helsinki-86 organisierten Demonstration zum Gedenken an die Deportierten von 1940. Die Demonstrationen werden fortgeführt, und es wird damit begonnen, sie niederzuschlagen. Es werden Parteien gegründet, die für die Unabhängigkeit eintreten, und immer mehr Letten nehmen an den Demonstrationen teil. Am 23. August 1989 wird sogar anlässlich des Jahrestags des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts eine Menschenkette gebildet. Nach dem Fall der Berliner Mauer werden freie Wahlen durchgeführt, aus denen die Lettische Volksfront als Siegerin hervorging. Die Entscheidung für die Unabhängigkeit führt zu einer militärischen Reaktion der UdSSR, die vor allem Riga am 20. Januar 1991 mit Panzern besetzt. Die Bevölkerung zwang die Panzer, kehrt zu machen. Durch den Zusammenbruch der UdSSR konnte Lettland seinen Status als unabhängige Republik wiedererlangen. Als der Lats wieder eingeführt wird, erscheint Milda nicht mehr auf den Münzen, dafür aber auf der Banknote mit dem höchsten Wert, der 500-Lats-Note.

Für die Letten ist es also logisch, dass Milda auf den Münzen zu 1 und 2 Euro abgebildet ist. Ursprünglich sollte das gesamte Denkmal dargestellt werden, aber der Entwurf erfüllte nicht die Kriterien der EZB, denn das Denkmal war zu groß und somit nicht mehr zu erkennen.

Baptiste Cuvelier
Museumsführer

Bibliografie

  • Masters Tom, Atkinson Brett & Bloom Greg, Eastern Europe, Lonely Planet, 2007.
  • Freedom Monument“, in Wikipedia (aufgerufen am 19. November 2013) basierend auf Mara Caune, Brīvības piemineklis: tautas celts un aprūpēts, Brīvības pieminekļa atjaunošanas fonds, Riga, 2002.
  • Lucas Edward, “Lat it be. The Latvian currency, born first in 1922 and again in 1993, will pass away on January 1st 2014“, in The Economist, 18 November 2012. (aufgerufen am 19. November 2013)
  • Kasemkamp Andres, A history of the Baltic states, Basingstoke, Palgrave Macmillan, 2010.
  • The Bank of Latvia XC, Riga, Bank of Latvia, 2012.