Die Sage von Europa als Grundlage einer neuen Banknotenserie  Share

Nationale Seite der griechischen 2-Euro-Münze mit der Szene der Entführung Europas durch Zeus. © Europäische Zentralbank

Nationale Seite der griechischen 2-
Euro-Münze mit der Szene der
Entführung Europas durch Zeus.
© Europäische Zentralbank

Ab dem 2. Mai 2013 wird eine neue 5-Euro-Banknote in Umlauf gegeben. Dies ist der erste Schritt auf dem Weg zur Ausgabe der Serie „Europa“ zu Ehren der phönizischen Prinzessin der griechischen Mythologie, der unser Kontinent seinen Namen verdankt. Grund genug, um einen Blick auf die aktuelle 5-Euro-Note zu werfen und zu zeigen, welche Überraschungen ihre Nachfolgerin für uns bereithält…

Sie ist eine der Banknoten, die wir häufig verwenden, ohne sie richtig zu betrachten. Die kleinste auf Euro lautende Stückelung hat sicherlich nicht dieselbe Ausstrahlung wie ihre große Schwester, die 500-Euro-Note, aber verdient es trotzdem, dass man sich mit ihr beschäftigt. Umso mehr, als sich ihr Aussehen, wie wir es heute kennen, ändern wird. Nicht grundlegend, aber doch so sehr, dass diese Änderungen manch einen verunsichern können.

 

ARCHITEKTUR MIT STARKEN SYMBOLEN

Doch betrachten wir zunächst noch einmal die Banknote, die Sie tagtäglich verwenden. Die Darstellungen auf unseren Banknoten beziehen sich alle auf die europäische Architektur, die chronologisch in sieben Baustile (einer je Stückelung) untergliedert ist. So stellt die 5-Euro-Note den griechisch-römischen Stil dar, während die größte Stückelung, nämlich die 500-Euro-Note, die Architektur der Gegenwart thematisiert. Das dargestellte Motiv wurde nicht zufällig gewählt, denn es enthält Symbole, die für Europa von Bedeutung sind: Offenheit und Kooperation. Die Offenheit, die durch das Fenster (oder die Tür) auf der Vorderseite der Banknote symbolisiert wird, ist im weitesten Sinn zu verstehen: offene Grenzen, aber auch eine offene Gesinnung, da sich Europa als ein gegenüber dem Rest der Welt offener Kontinent versteht. Und die Kooperation schließlich wird durch die Brücke auf der Banknotenrückseite symbolisiert, die als Verbindung zwischen den europäischen Ländern im gemeinsamen Bemühen um gegenseitige Unterstützung gedacht ist.

Vorderseite der 5-Euro-Note, erste Serie. © Europäische Zentralbank

Vorderseite der 5-Euro-Note, erste Serie. © Europäische Zentralbank

Diese Fenster und Brücken haben Sie vielleicht schon an einige sehr bekannte europäische Monumente erinnert (an den Pont du Gard auf der Rückseite der 5-Euro-Note zum Beispiel), aber es handelt sich dabei um fiktive Bauwerke, die einen ganz bestimmten Architekturstil gekonnt widerspiegeln. Sie sind natürlich von bestehenden Gebäuden inspiriert, bilden diese jedoch nicht genau ab, denn sonst würden sie einen Bezug zu einem Land herstellen. Aber genau das wollte man vermeiden; der Euro soll vereinen und nicht trennen. Die Architektur erfüllt diesen Zweck: Die sieben auf den Banknoten dargestellten Baustile sind überall in Europa vertreten. So kann sich jeder Europäer unabhängig von seiner Nationalität mit den Euro-Banknoten identifizieren.

DIE NEUE SERIE: VON EINER PRINZESSIN ZU EINEM KONTINENT

Die grafische Darstellung der neuen Banknotenserie bleibt praktisch unverändert. Eine kleine Neuerung ist jedoch der deutliche Bezug auf die Mythologie mit der Gestalt Europas, die auf dem Hologramm-Streifen sowie im Wasserzeichen der Banknote zu sehen ist. Wer ist also diese Dame? Tatsächlich tragen mehrere junge Frauen der antiken Literatur diesen Namen, aber auf Kreta ist er mit Abstand am weitesten verbreitet. Der Sage nach war es eine Prinzessin der phönizischen Stadt Tyr (dem heutigen Sour im Libanon), Tochter von Agenor, die von Zeus verführt wurde, der sich in einen prächtigen weißen Stier verwandelt hatte. Die zunächst ängstliche Europa klettert schließlich auf den Rücken des Tieres. In diesem Augenblick erhebt sich der Stier in die Lüfte und fliegt bis Kreta, wo sich die Beiden vereinigen und Europa drei Söhne gebärt (darunter Minos, vgl. die Sage von Minotaurus). Ihr Vater Agenor befiehlt daraufhin, dass sich drei seiner Söhne auf die Suche machen, wobei er ihnen zu verstehen gibt, dass sie nicht ohne ihre Schwester zurückkehren bräuchten. Ihre Suche war leider ergebnislos. Aus Angst vor dem Zorn ihres Vaters kehrten sie nicht in ihre Heimat zurück, sondern ließen sich alle drei in westlicheren Gefilden nieder, wo sie neue Zivilisationen gründeten: einer in Thrakien, ein anderer in Kilikien und der letzte in Theben (Griechenland), wohin sie das Alphabet brachten.

Aber welchen Bezug gibt es zwischen dieser Prinzessin Europa und dem Kontinent, der heute ihren Namen trägt? Die Frage ist schwer zu beantworten, und schon in der Antike gingen die Meinungen dazu auseinander. Bereits der griechische Historiker Herodot (484 bis 420 v. Chr.) wies darauf hin, dass die junge Dame nie einen Fuß auf „Europa“ setzte. Wenn man jedoch die Reiseroute der drei Brüder Europas betrachtet, stellt man fest, dass sie einen geografischen Bereich abdecken, der insbesondere auch das Gebiet Griechenlands umfasst. In der antiken Literatur steht Griechenland jedoch ständig mit Asien in Kontrast, sei es auf politischem, militärischem oder kulturellem Gebiet. Vielleicht ist der Ursprung des Wortes „Europa“ ja in diesem Antagonismus zu suchen: der Okzident (Griechenland, Europa) im Gegensatz zum Orient (Asien). Diese Hypothese ist umso wahrscheinlicher, als einige in dem Wort „Europa“ die semitische Wurzel „ereb-“ sehen, die sich auf den Sonnenuntergang bezieht, also auf etwas im Westen und somit auf den europäischen Kontinent.

Vorderseite der 5-Euro-Note, Serie

Vorderseite der 5-Euro-Note, Serie “Europa”. © Europäische Zentralbank

Die Entführung Europas durch Zeus ist ein weitverbreitetes Motiv in der westlichen Kunst, sowohl in der Literatur als auch in den bildenden Künsten. Es schmückt schon die 2-Euro-Münze Griechenlands, die im Museum der Nationalbank zu sehen ist.

ABER WARUM MÜSSEN DIE BANKNOTEN EIGENTLICH GEÄNDERT WERDEN?

Der Euro wurde offiziell 1999 geschaffen, das heißt, man konnte damals schon Überweisungen in Euro durchführen. Aber die Münzen und Banknoten wurden erst drei Jahre später, nämlich 2002, eingeführt. Elf Jahre sind eine normale Lebensdauer für eine Banknotenserie; die Fälscher haben versucht, sie nachzumachen. Ziel ist es also, ihnen das Leben schwer zu machen, indem man die Sicherheit der Banknoten erhöht. Drei neue Sicherheitsmerkmale wurden der Öffentlichkeit vorgestellt: die beiden ersten sind das „Porträt-Hologramm“ und das „Porträt-Wasserzeichen“, von denen wir bereits weiter oben gesprochen haben; das dritte Merkmal ist die „Smaragdzahl“. Auf Vorderseite Ihrer neuen 5-Euro-Note finden Sie eine große Zahl 5, deren Farbe sich beim Kippen der Banknote in verschiedenen Grüntönen verändert.

Der Übergang der Banknoten von der ersten auf die neue Serie wird schrittweise erfolgen, so wie dies beim belgischen Franken der Fall war. Anfangs werden die beiden Serien bis zu einem vorab angekündigten Datum parallel zueinander in Umlauf sein. Dann wird die alte 5-Euro-Note kein gesetz¬liches Zahlungsmittel mehr sein. Und falls sie danach dennoch einige versteckte Bündel der ersten Serie finden sollten (wer weiß…), können sie diese noch immer zur Nationalbank bringen und dort umtauschen. Die anderen Stückelungen werden in den kommenden Jahren erneuert.

Charlotte Vantieghem

Museumsführerin

BIBLIOGRAFIE