- Museum of the National Bank of Belgium - https://www.nbbmuseum.be/de -

Die Wandteppiche von Bossuet in der Nationalbank

Im Museum der Belgischen Nationalbank, welches in den ursprünglichen Gebäuden in der Wildewoudstraat untergebracht ist, sind noch einige originale Elemente für die Besucher sichtbar. Da diese Dekorationsgegenstände in der Regel einen hohen künstlerischen Wert und eine interessante Hintergrundgeschichte haben, ist es selbstverständlich, dass sich der „Blickpunkt“ regelmäßig mit ihnen beschäftigt. Dieses Mal liegt der Blickpunkt auf den pittoresken Wandteppichen im Saal der Hauptversammlungen.

Der Saal der Hauptversammlungen [1]

Der Saal der Hauptversammlungen

Die 1850 gegründete Belgische Nationalbank mietete zunächst ein Gebäude in der Nieuwe Koningsstraat. In jener Zeit verfügte die Bank nicht gerade über umfangreiche Mittel. Daher musste sie sich noch mit Möbeln aus zweiter Hand begnügen. Aber die Bank hatte schnell mit Platzmangel zu kämpfen. Darum machte man sich 1857 auf die Suche nach freien Räumen. Das Geldinstitut verfügte inzwischen über mehr Mittel und konnte sich eine luxuriösere Ausfallbasis leisten. 1858 wurde ein Standort frei, als beschlossen wurde, den Vorplatz vor der Kollegialkirche St. Michel und Gudule neu anzulegen. Alte heruntergekommene Quartiere wurden abgerissen und auf der frei gewordenen Fläche fand die Nationalbank einen ausgezeichneten Standort für ihre neue Unterkunft. Um dem neuen Gebäude Form zu geben, wurde 1859 ein Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Architekten ihre Entwürfe einreichen konnten. Letztendlich gewannen die Pläne des Duos Hendrik Beyaert und Wynand Janssens. Dabei leistete der Erstere den Löwenanteil der Entwurfsarbeit für den neuen Gebäudekomplex, mit dessen Bau Ende 1860 begonnen wurde. Die Errichtung des neuen Bankgebäudes nahm mehr Zeit in Anspruch als gedacht, denn die Vollendung sollte noch über zwanzig Jahre auf sich warten lassen.

Bei der Einrichtung der verschiedenen Säle in dem neuen Gebäude konnte sich die Nationalbank diesmal den Kauf neuer Möbel leisten. Die Möbelstoffe, die für die Bezüge der Stühle verwendet wurden, kaufte die Bank bei der Pariser Textilfirma Braquenié. An diese Firma wendete sich die Nationalbank auch für die Anfertigung der Wandteppiche.

Der Saal der Hauptversammlungen liegt direkt neben dem früheren Haupteingang der Bank. Der Raum ist dunkel, aber reich geschmückt. So prangt über dem mit Bronze verzierten Kamin aus rotem Marmor das Porträt von König Leopold I, der König, unter dessen Regierung die Belgische Nationalbank gegründet wurde. Der kostbare Rahmen dieses Gemäldes ist mit Medaillons mit den königlichen Initialen verziert und am oberen Rand mit einer Krone und zwei gekreuzten Zeptern. Die Saalwände erhielten eine Eichenvertäfelung, an der die Wandteppiche angebracht wurden. Bei den ersten Kontakten mit dem Fabrikanten Braquenié im Jahre 1866 war allerdings noch die Frage, was auf diesen Gobelinteppichen dargestellt werden sollte. Der Textilfabrikant schlug vor, die zehn wichtigsten belgischen Städte der damaligen Zeit (Brüssel, Antwerpen, Lüttich, Kortrijk, Mons, Gent, Tournai, Brügge, Namur und Mechelen) abzubilden; wie dies geschehen sollte, stand noch nicht fest. Eine erste Idee bestand darin, die Städte allegorisch – mit oder ohne das dazugehörige Wappen – darzustellen. Dieses Konzept wurde vom Architekten Beyaert schnell von der Hand gewiesen, der an dem zu erwartenden Resultat zweifelte. Eine zweite Option war, charakteristische Stadtansichten zu zeigen. Es wurde lange hin und her überlegt, den Künstler Jean-Baptiste Van Moer (1819-1884) mit den Entwürfen für die Wandteppiche zu beauftragen. Van Moer war Spezialist für Stadtansichten und der von ihm veranschlagte Preis war auch dementsprechend. In seinem Angebot stand ein Preis von 20 000 Goldfranken, das wären heute mehr als 106 000 Euro. Um die Kosten doch etwas zu senken, entschied man sich letztendlich für die Zeichnungen eines anderen Künstlers, nämlich François-Antoine Bossuet (1798-1889).

François-Antoine Bossuet aus Ypern, der seine Lehrjahre in Antwerpen verbracht hatte, lehrte zwischen 1855 und 1876 als Dozent an der Akademie von Brüssel. Bossuet war vor allem für sein perspektivisches Wissen und Können bekannt, welches er bereits 1843 mit der Publikation seines „Traité de perspective linéaire” unter Beweis gestellt hatte. Sein Werk umfasst vor allem Stadtansichten und Architekturlandschaften, die im Süden (Spanien, Portugal, Italien) anzusiedeln sind. Es waren meistens pittoreske Darstellungen mit Elementen, die das tägliche Leben zeigten. Diese Szenen passten sehr gut in den Zeitgeist der Romantik. Die Wandteppiche der Nationalbank wurden ebenfalls in diesem Stil gefertigt. Im Saal der Hauptversammlungen sind daher nirgends wirtschaftsbezogene Bilder zu sehen. Die zehn Städte sind mit ihren wichtigsten Blickfängern dargestellt, dazu ein paar Leute, Boote… ohne dabei die Fortschrittlichkeit des industriellen Belgiens zu beachten. Die Wandteppiche gleichen daher eher Ansichtskarten aus.

Wer allerdings bestimmte Teppiche genau anschaut, bei dem kommen Zweifel an dem Gezeigten auf. Obwohl Bossuet ein Meister der Perspektive war, zeigen einige Szenen nämlich Gebäude, die in Wirklichkeit nicht aus einem einzigen Blickwinkel zusammen sichtbar sind. Ein gutes Beispiel dafür ist der Wandteppich von Gent. Dieser soll eine Ansicht der Graslei darstellen. Dabei wurde allerdings ein nach Norden gerichteter Blick auf die tatsächliche Graslei und eine Seitenansicht des Stadthauses mit den dahinter aufragenden Turmspitzen des Belfrieds kombiniert. Drei Dinge, die man in Wirklichkeit nie zusammen sehen kann.

Ein kreative Stadsansicht von Gent [2]

Ein kreative Stadsansicht von Gent

Zwischen der Gestaltung des Saales und der Fertigstellung der Wandteppiche verstrich geraume Zeit. Es sollte bis 1882 dauern, bevor Arbeiter die Wandteppiche aufhängten.

Maarten Bassens
Museumsführer

Bibliographie