John Law: Finanzgenie oder Scharlatan?  Share

Was haben holländische Tulpen, die französische Mississippi-Kompanie, die englische Südsee-Kompanie, Dotcom und amerikanische Immobilien gemein? Sie alle sind Beispiele für so genannte finanzielle Seifenblasen: Auf eine Euphorie folgt die Erkenntnis der Maßlosigkeit und die Ernüchterung, und letztendlich das Zerplatzen der Blase.

Im Museum der Nationalbank sind zwei alte Geldscheine ausgestellt: Graviertes Papier mit schwarzen Buchstaben und Zahlen auf einfachem weißem Grund. Gedruckt in der Imprimerie Royale, mit dem Wasserzeichen Billet de Banque.


Die Geschichte, die sich hinter diesem Geldschein verbirgt, steht jedoch im Kontrast zu seiner Einfachheit : Es ist eine faszinierende, überraschend aktuelle Geschichte, die auch zeigt, dass Menschen aus früheren Fehlern nicht so schnell lernen.

In diesem „Gegenstand des Monats“ geht es um die Banknoten von John Law.

John Law war ein gebürtiger Schotte, der 1671 in Edinburgh das Licht der Welt erblickte ; Sein Vater war Goldschmied, und betrieb, wie damals üblich, auch Bankgeschäfte. Nach seinem Studium zog Law nach London.


Offensichtlich war er ein fähiger Mann : sportlich, redegewandt, ein „Dandy“, um den sich die Damen rissen. Er wollte leben wie ein reicher Mann, da er sich dies aber nicht leisten konnte, begann er zu spielen. Er tat es mit Begeisterung : Er hatte ein sehr gutes Gedächtnis, und aufgrund seiner außergewöhnlichen Begabung für Zahlen und Wissenschaften, konnte er gut verdienen.

Am 6. April 1694 erfuhr sein Leben allerdings eine dramatische Wendung. In einem Duell tötete er seinen Gegner und er wurde zum Tode verurteilt (Duelle waren nämlich verboten). Aber zwei Tage vor seiner Hinrichtung konnte er aus dem Gefängnis entkommen und auf das europäische Festland entkommen. Die folgenden drei Jahre zog er durch Europa : die Niederlande, Italien, Frankreich und Schottland. Sein Reiseweg ist schwer zurückzuverfolgen, auch weil er sich zu Anfang wahrscheinlich eher unsichtbar machte, um nicht gefasst zu werden und wieder ins Gefängnis zu wandern. Er machte weiter sein Glück im Spiel und knüpfte dabei Beziehungen, die ihm später noch nützlich werden sollten (u. a. der Regent von Frankreich, Philippe d’Orléans). Er interessierte sich auch mehr und mehr für Bankgeschäfte : In den Niederlanden studierte er die Funktionsweise der Wechselbank von Amsterdam und die VOC, die Vereinigte Oktroyierte Ostindische Kompanie der Niederlande. Die beiden arbeiteten zusammen : Bankiers nahmen Aktien als Pfand für Kredite an, und umgekehrt konnte man Kredite aufnehmen, um neue Aktien zu kaufen : Diese Wechselwirkung zwischen dem Aktienmarkt und der Kreditvergabe war eine neue Art der Volkswirtschaft, die Law faszinierte.

Mit diesen neuen Ideen bastelte Law ein System, das auf dem Gebrauch von Papiergeld beruhte und sogar Staatsfinanzen sanieren konnte. Er war davon überzeugt, dass Kredit für das gute Funktionieren einer Volkswirtschaft nötig ist : Wenn ein Händler über 100 000 Livre verfügte und einen Kredit über den zehnfachen Betrag erhalten konnte, so konnte das für den Wohlstand des Landes nur gut sein. Eine Volkswirtschaft, die nur Silber und Gold als Pfand nimmt, sitzt fest und kann letztendlich nur stagnieren.

Daraus entstand ein Vorschlag an das schottische Parlament : Proposal for supplying the nation with money by a paper credit (Vorschlag, die Nation durch Papierkredit mit Geld zu versorgen). Dieser bildete auch die Grundlage für sein Buch Money and trade considered (Betrachtungen über Geld und Handel). Es handelt sich um das bedeutendste Werk von Law, in welchem er neue Begriffe wie Inflation, Geldmenge, Umlaufgeschwindigkeit und die Verbindung zwischen Geld und Arbeit handhabte. Seine steuerrechtlichen Ideen konnten sogar als revolutionär bezeichnet werden : Jeder musste seinen Beitrag leisten, auch der Klerus und der Adel. Die Arbeiten von Law werden noch heute gelehrt und analysiert. Sie beweisen, dass er seiner Zeit voraus war.

Der Vorschlag wurde jedoch abgelehnt und letztendlich schien der Regent von Frankreich der einzige zu sein, der bereit war, das System – zunächst mit einigem Misstrauen – auszuprobieren. Der Grund dafür lag auf der Hand : Die Staatskasse von Frankreich war nach der langen Regierungszeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV völlig leer und der Schuldenberg enorm.
Zunächst errichtete Law eine staatliche Bank, die gegen Einlagen von Gold- und Silbermünzen Papiergeld ausgab, ausdrückt in Ecu, die ein festes Gewicht an Silber darstellten. Der Nennwert von Silber war in den Jahren davor rund zwanzig Mal von der Regierung verändert worden, so wurde ein fester Kurs von allen begrüßt. Durch diese strenge Regelung wurde die Banque Générale (1716) schnell ein Erfolg und die Menschen begannen, dem Papiergeld zu vertrauen.

Im Folgenden schlug Law der französischen Regierung vor, einige bereits laufende Unternehmungen unter dem Namen Compagnie d’Occident, später auch bekannt als die Mississippi Company zusammenzuschließen (1717). Diese Superunternehmung bewirtschaftete ein riesiges Gebiet in Amerika (sie umfasste rund 8 Staaten, die sich damals im Besitz von Frankreich befanden) und erhielt bedeutende Monopole : auf den Tabakshandel, exklusive Handelsrechte auf Louisiana, den Mississippi, China, Ostindien und Südamerika. Später erhielt sie das Prägerecht für die königlichen Münzen und durfte sie als Steuereinnehmer auftreten. Alle diese Privilegien ließen die Vermutung zu, dass die Compagnie riesige Gewinne machen würde und mit einer erwarteten jährlichen Dividende von 40% waren mehrere Aktienausgaben erforderlich, um der Nachfrage in der Öffentlichkeit gerecht zu werden. Law führte darüber hinaus eine aggressive Werbekampagne, in der allerlei Wahrheiten, Halbwahrheiten und blanke Lügen zu verstehen geben sollten, dass in Übersee riesige Reichtümer zu holen waren. Die Zahl der Aktienkäufer schoss in die Höhe, Eintragungslisten konnten nicht schnell genug erstellt werden, was wiederum einen psychologischen Effekt auf die neuen Käufer hatte, deren Zahl erneut stieg. Von morgens früh bis abends spät war die Rue Quincampoix (wo die Compagnie ihren Sitz hatte) schwarz von Menschen und tollwütigen Massen von Anlegern, die ihren Coup landen wollten. Manche mieteten Zimmer gegen horrende Preise, um die Kurse aus der Nähe verfolgen zu können. Die Ordnungskräfte mussten spezielle Maßnahmen treffen, damit die Geschäfte einigermaßen ordentlich verlaufen konnten.

Die Aktien wurden am liebsten mit so genannten Billets d’Etat bezahlt, staatlichen Wertpapieren, die von Ludwig XIV ausgegeben wurden und die gerade mal ein Drittel ihres Nennwerts wert waren. Zur Einzahlung des Kapitals wurden sie jedoch zu ihrem vollen Wert akzeptiert. Infolgedessen wurden die staatlichen Wertpapiere massenweise aufgekauft, um sie dann in Aktien umzuwandeln. Die Wertpapiere wurden gegen einen Zins von 4% an die Staatskasse überführt. Diese Zinsen sollten für die Finanzierung des Überseehandels eingesetzt werden, um für Gewinne zu sorgen.
Was Law also eigentlich tat, war, die Compagnie dazu zu benutzen, Inhaber von Staatspapieren zu überzeugen, sie in Aktien umzuwandeln. Letztendlich würde die Compagnie dann der einzige Gläubiger des Staates werden.

Die Banque Générale wurde mit Zustimmung des Regenten in eine Banque Royale umgewandelt (1718), eine Staatsbank, bei der man gegen Aktien Kredite aufnehmen konnte, woraufhin dieses Geld wiederum in neuen Aktien angelegt werden konnte. Das Kapital der Bank bestand somit eigentlich aus Aktien. Von da an waren die Mississippi Company und die Banque Royale in Wirklichkeit ein und dasselbe Unternehmen und auch die Öffentlichkeit sah das so.

Dazu gab die Bank auch weiterhin Papiergeld aus (von da an als Livre tournois) : Die Menge wurde anfangs vom Regenten festgelegt, nahm jedoch beständig zu. Den Inhabern von Staatspapieren wurden spezielle Anreizprämien angeboten, um diese gegen Banknoten einzutauschen, womit man dann wieder die lukrativen Aktien der Compagnie kaufen konnte. Die Banque Royale wurde Diskont- und Emissionsbank, Geschäfts- und Staatsbank.

Und damit nicht genug. Law versuchte den Regenten zu überzeugen, es der Compagnie zu erlauben, die gesamte französische Staatsschuld aufzukaufen. So etwas hatte es noch nie gegeben. (Die Engländer ahmten dies 1720 mit der South Sea Company nach, gefolgt von der South Sea Bubble).

Inzwischen wütete das Spekulationsfieber weiter, in der Rue Quincampoix drängten sich die Käufer. Bei der Ausgabe stand der Kurs bei 500 Livre Ende August 1719 bei 5000 Livre und im Dezember waren es 10 000 Livre. Prinzen und Herzöge, jeder, der Rang und Namen hatte, versuchte, so viele Aktien zu kaufen wie möglich, auch wenn dafür Ländereien, Juwelen und sonstige Wertsachen verkauft werden mussten. Es heißt, das Wort Millionär sei in dieser Zeit entstanden. Aber auch arme Leute konnten in wenigen Tagen reich werden, durch Spekulation oder Schlauheit.

Die Ernennung Laws zum Trésorier Général des Finances war für Law der absolute Höhepunkt seiner Karriere. Aber lange sollte er nicht dauern.

Das Ende kam schnell. In ganz Frankreich nahm die Inflation besorgniserregend zu, da die Regierung die Wirtschaft mit Banknoten der Banque Royale überschwemmt hatte. Die Preise verdoppelten sich innerhalb von nur zwei Jahren, was die Menge der Banknoten widerspiegelte, die sich in den zwei Jahren ebenfalls verdoppelt hatte. Der Geldvorrat (Banknoten und Aktien) war vier Mal so groß wie in der Zeit, in der allein Gold- und Silbermünzen zirkulierten. Manche Leute argwohnten nun eine Entwertung des Papiergelds und wechselten dies wieder in Metallgeld um. Law reagierte, indem er den Besitz von mehr als 500 Livre in Münzen verbot und Bankpapier zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärte. Er ließ dies sogar durch Haussuchungen kontrollieren. Die Bürger verstanden nur zu gut, dass sie nie mehr als diesen Betrag bei der Banque Royale in Hartgeld einfordern konnten und dadurch wurde das Papiergeld natürlich unterminiert. Die Absicht Laws war immer gewesen, das Metallgeld letztendlich ganz aus dem Verkehr zu ziehen, aber durch diese Begrenzung auf 500 Livre erreichte er genau das Gegenteil : Man glaubte nicht mehr an das Papier.

Auch die Massen von Aktien stellten nun eine Bedrohung für sein System dar. Die Rückkehr einer Gruppe ausgebrannter Siedler aus Amerika, die von ganz anderem zu erzählen hatten als von goldenen Bergen, und die Erkenntnis, dass der Kolonialhandel eigentlich recht kärglich war, ließen die öffentliche Meinung über die Compagnie ins Gegenteil umschlagen.

Die Panik war nicht mehr abzuwenden, die Banque Royale musste ihre Türen schließen, der Preis der Aktien brach ein, in der Rue Quincampoix gab es dramatische Szenen. In der rasenden Menge gab es mehrere Tote. Es hieß, man könne „mit 100 Millionen Banknoten in der Tasche den Hungertod sterben“. Alle Maßnahmen, die Law zu treffen versuchte, um die Geldmenge zu verringern und Aktien zu kaufen, um den Kurs wieder ansteigen zu lassen, missglückten und hatten allein seine Entlassung als Finanzminister zur Folge. Mit Hilfe des Regenten konnte er der wütenden Menge entkommen und nach Brüssel flüchten.

Zahlreiche Flugblätter, satirische Drucke und Kupferstiche erzählen vom Platzen der Blase, das bekannteste Zeugnis ist das „Große Buch der Torheit“ (Originaltitel : Het groote tafereel der dwaasheid).

Law reiste wieder in verschiedene Länder, erhielt sogar neue Angebote für die Anwendung seines Systems, landete aber schließlich in Venedig, wo er in Armut starb. Er hielt jedoch daran fest, Recht gehabt zu haben, und wäre der Regent nicht frühzeitig verstorben, wäre die Chance groß gewesen, dass er zurück nach Frankreich berufen worden wäre.

Sein Ziel war immer gewesen, Frankreich reicher und wohlständiger zu machen, aber durch verschiedene Fehler und das Entgegenwirken einiger einflussreicher Wirtschaftsteilnehmer, die in der neuen ökonomischen Welt von Law zu viel zu verlieren hatten, missglückte sein Unterfangen auf ganzer Linie.


Es sollte rund siebzig Jahre dauern, bevor Frankreich sich wieder in ein Abenteuer mit Papiergeld einließ.

ANN VANDORPE

Bibliography

  • Het groote tafereel der dwaasheid, gedrukt tot waarschouwinge voor de nakomelingen, 1720.
  • James Breck PERKINS, France under the Regency with a review of the administration of Louis XIV, 1892.
  • Frans DE VOGHEL, Financiers d’autrefois, 1988.
  • Lars TVEDE, Business Cycles, 2001.
  • Andrew DICKSON White ph.d., Fiat Money Inflation in France, 2004.
  • Niall FERGUSON, The ascent of money, 2008.