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Kayapó

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Anlässlich der Europalia Brasilien veranstaltet die BNB die Ausstellung „D’or et de plumes“ (Von Gold und Federn). Die Federn werden als wichtiges Wertsystem der Amazonas-Indianer präsentiert; sie spielen auch eine wichtige Rolle bei den Ritualen und Zeremonien des täglichen Lebens und sind für die Identifikation von entscheidender Bedeutung. Schlaglicht auf einige Praktiken eines bei dieser Ausstellung besonders ausführlich beschriebenen Stamms: die Kayapós.

Der Name Kayapó bedeutet „jene, die Affen ähnlich sind“. Diese seit dem 19. Jahrhundert bekannte Bezeichnung wurde von den Nachbarstämmen vergeben. Sie geht auf bestimmte Rituale zurück, bei denen die Männer Affenmasken tragen. Sie selbst nennen sich jedoch lieber Mebêngôkre, was soviel heißt wie „die Menschen vom Ort des Wassers“.

Der Stamm lebt jetzt in der Region des Tals des Rio Xingu, einem südlichen Nebenfluss des Amazonas in den Bundesstaaten Mato Grosso und Pará. Seit der Kolonisation haben sich durch die unterschiedlichen Beziehungen mit dem „weißen Mann“ mehrere Untergruppen gebildet. Sie haben sich mehr oder weniger tief im Regenwald verteilt und wohnen in kleinen Runddörfern mit einem zentralen Platz. Heutzutage leben einige Gruppen noch immer freiwillig von der Außenwelt abgeschlossen.

Wohngebiet der Kayapós

Wie die meisten Indianer unterhalten die Kayapós eine enge Beziehung mit der sie umgebenden Natur. Für sie ist alles, was das Universum bildet, eng und untrennbar miteinander verknüpft. Jedes Ding existiert nur durch die Verbindung, die es mit den anderen Dingen unterhält; folglich geht es darum, die Harmonie zwischen den einzelnen Teilen aufrecht zu erhalten. Ihre Riten und Zeremonien stehen daher immer in direkter Beziehung zur Natur und dienen hauptsächlich dazu, die Spannungen zwischen den Menschen und den Geistern (der Toten, der Tiere usw.), die das Universum bevölkern, zu verringern.

Das Dorf gilt als Zentrum des Universums, als einziger gesellschaftlicher Ort. Somit ist alles, was sich außerhalb des Dorfes befindet und keinen Namen trägt, gleichbedeutend mit Gefahr. Dort hausen die Tiere, aber vor allem die Geister, vor denen sich die Kayapós am meisten fürchten. Sie sind besonders nachts präsent und können den Menschen großes Leid zufügen, was erklärt, warum sich die Kayapós vor der Nacht fürchten. Um zu verhindern, dass der gesellschaftliche Raum von der Natur vereinnahmt wird, werden zahlreiche Zeremonien mit Körperschmuck, Gesang und Tanz durchgeführt, um eine konstante Bindung mit der Natur herzustellen und die Geister zu beschwichtigen.

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Die Kayapós legen großen Wert auf die Sprache, auf Namen und auf die Redekunst. Sie bezeichnen sich auch als „jene, die schön sprechen“, um sich von den anderen Stämmen zu unterscheiden. Die Bereiche außerhalb des Dorfes, in die sie sich häufig begeben (Jagdgebiet im Wald, Felder usw.), werden durch Verleihung eines Ortsnamens sozialisiert.

Die Bedeutung des Namens wird bei dem sogenannten Namensgebungs-Ritual offenbar. Bei seiner Geburt erhält das Kind mehrere Namen: „allgemeine“ Namen, die von der Natur oder einem Tier abgeleitet sind, und „schöne“ Namen, die auf Zeremonien basieren. Das Ritual als solches findet zwischen dem 2. und 8. Lebensjahr statt und ermöglicht die Bestätigung der einzelnen Namen, durch die das Kind ein „vollwertiges menschliches Wesen“ werden kann. Vor allem für diese Art von Zeremonie veranstalten die Kayapós große Festessen und verzieren ihre Körper mit nicht dauerhaften Tätowierungen. Diese werden mit einem Farbstoff aus der Jenipapo-Frucht aufgetragen und sehen ähnlich aus wie Henna-Tätowierungen. Die Motive werden systematisch Elementen der Natur (Schildkrötenpanzer, Insekten usw.) entlehnt. Durch das Namensgebungs-Ritual und ihren Körperschmuck werden die Kayapós, deren Sinn für Ästhetik sehr ausgeprägt ist, zu Mereremex, zu „jenen, die ihre Schönheit ausbreiten“. Für sie handelt es sich um die „wahre Art“ der Schönheit, sowohl der inneren (durch die Namensgebung und somit die Sozialisierung des Geistes) als auch der äußeren (durch die Tätowierungen und den Körperschmuck). Aber dieses Ritual kann auch Gefahren bergen, denn außer der Nennung eines aus der Natur stammenden (und somit zu fürchtenden) Namens können auch die Geister der toten Verwandten jederzeit den Geist des Kindes verwirren.

Zur Versorgung des Dorfes müssen die Männer zur Jagd oder zum Fischfang gehen, wodurch sie bisweilen tief in den Dschungel vordringen müssen. Angesichts der erforderlichen großen Menge an Nahrungsmitteln kann ihre Expedition manchmal mehrere Wochen dauern. Bei ihrer Rückkehr stimmen die Männer Gesänge für die Geister der getöteten Tiere an, um sie zum Verbleiben in der Natur zu bewegen. Die Frauen versorgen das Dorf mit Süßkartoffeln, Maniok, Früchten usw., die sie auf Feldern außerhalb des Dorfs anbauen. Während ihres gesamten Aufenthalts außerhalb des Dorfes rauchen sie Tabak, da die Geister sich vor Rauch fürchten. Auch wenn sie ihre Felder verlassen, spucken und pusten sie ihren Rauch um sich, um die Geister zu vertreiben, die sie bis zum Dorf verfolgen könnten. Dadurch wollen sie dieselbe Wirkung erzielen wie die Männer mit ihren Gesängen bei der Rückkehr von der Jagd.

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Seit der Ankunft der ersten Siedler stellen die Forstwirtschaft und der Bergbau, die Viehwirtschaft und die intensive Bodenbewirtschaftung, aber auch der Bau von Wasserkraftwerken bis zum heutigen Tag eine große Bedrohung für die Indianer dar. So ist nicht nur ihre kulturelle, sondern auch ihre territoriale Integrität gefährdet. Die Kayapós gehören zu den Stämmen, die sich politisch am stärksten gegen diese schädlichen Einflüsse wehren. Raoni, einer der Kayapós-Führer, erhob sich medienwirksam zum Wortführer der Forderungen der Amazonas-Indianer. Gemeinsam mit dem Sänger Sting unternahm er in den 1990er Jahren eine Welttournee, um auf die Probleme der Indianer aufmerksam zu machen.

Jean-Christophe Caestecker
Museumsführer

Bibliografie