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Die Börse: vom Gasthaus Ter Buerse bis Wallstreet

Börse von Brügge

Börse von Brügge

Im vergangenen Jahr wurden wir alle mit der Wirtschaftskrise konfrontiert. Auch die Börsen hatten schwer zu kauen. Die amerikanischen wie die europäischen Börsen gaben nach und der BEL 20 brach ein. Die Fortis-Aktie, die man anfänglich für stabil gehalten hatte, begann ihren Sturzflug. Die Börse ist für uns heute ein bekanntes Wort, aber wo, wann und wie ist der Aktienhandel denn nun eigentlich entstanden? Die Antwort auf diese Frage finden Sie in Saal 9 des Museums.

Wappen der Familie Van der Buerse

Wappen der Familie Van der Buerse

Die Grundlagen der heutigen Börse wurden im späten Mittelalter in den norditalienischen Städten gelegt. Dort wurden die großen Grundkonzepte des modernen Bank- und Börsenwesens (z. B. der Wechsel, die Gesellschaftsform und das Bankwesen mit bargeldlosen Zahlungsmitteln) zuerst entwickelt und über Brügge in Nordwest-Europa eingeführt. Brügge spielte von Anfang an eine wesentliche Rolle in der Entstehungsgeschichte des Aktienhandels. Aufgrund des Niedergangs der Jahrmärkte in Champagne und höherer Transportkosten suchten die Italiener über Brügge einen anderen Weg nach Nordeuropa. Brügge lag im vierzehnten Jahrhundert am Schnittpunkt zweier großer Handelsimperien, nämlich dem Mittelmeerraum mit den Italienern und dem Gebiet rund um die Ostsee mit der deutschen Hanse.  Obwohl der Handel in Brügge florierte, waren die Einwohner von Brügge selbst nicht wirklich aktiv daran beteiligt. Sie traten entweder als Zwischenpersonen oder Vermittler zwischen den verschiedenen ausländischen Kaufleuten auf. Die Maklerfunktion wurde oft von den Gastwirten übernommen. Sie boten den ausländischen Kaufleuten nicht nur eine Unterkunft, sondern vertraten sie auch.  Angesichts seiner zentralen Rolle für den Handel war der Beruf des Gastwirts einer der angesehensten Berufe der Stadt.

Eine der bedeutendsten Gastwirtsfamilien war die Familie Van der Buerse. Sie führten über fünf Generationen das Gasthaus „Ter Buerse“. Die ältesten Hinweise auf die Familie stammen bereits aus dem dreizehnten Jahrhundert, und es steht fest, dass das Haus Ter Buerse bereits 1285 ein Gasthaus war. Es wurde von Robert Van der Buerse geführt, der auch der Eigentümer war. Im Verlauf des vierzehnten Jahrhunderts entwickelte sich der kleine Platz vor dem Gasthaus Ter Buerse zum Handels- und Finanzzentrum der Stadt. So wurden bereits 1340 im Kaufmannshandbuch von Pegolotti  die brüggeschen Maklerpreise und Wechselkurse mit dem Handel in England und Italien in Verbindung gebracht. Darüber hinaus trafen sich in regelmäßigen Abständen Makler auf dem Platz. Und da es damals noch keine offiziellen Börsenkurse gab, sammelten sie bei ihren Korrespondenten und herumkommenden Gästen allerlei Informationen über die Konjunktur vor Ort und die Lage auf den ausländischen Märkten. 1370 wurden in Brügge in regelmäßigen Abständen die Wechselkurse in verschiedenen Städten notiert. Um 1400 kam ein durchgehender und organisierter Geldmarkt zustande mit Wechselkursnotierungen für die bedeutendsten Handels- und Bankenzentren in Europa, wie Barcelona, Venedig, London oder Paris.

Börse von Antwerpen

Börse von Antwerpen

Die bedeutendsten Wechselhändler verlegten ihre Nationshäuser auf den Platz Ter Buerse. Eine Nation war eine Vereinigung ausländischer Kaufleute. Diese Nationen bauten, kauften oder mieteten meistens eigene Gebäude, die so genannten Nationshäuser. Sie dienten auch als Konsulat, Versammlungsraum oder Lagerraum. Bereits 1322 wurde die venezianische Nation gegründet, 1397 kamen die Genuesen hinzu und im fünfzehnten Jahrhundert gründeten auch die Florentiner ihre Nation. Die Kaufleute trafen sich täglich auf dem Platz, um dort ihren Handel zu betreiben. Wenn es regnete, stellten sie sich unter den Vordächern der Gebäude auf dem Platz unter oder gingen in das Gasthaus Ter Buerse selbst. Und obwohl der Beursplein ein öffentlicher Platz war, wurde Bettlern und Vagabunden während der Börsenzeit der Zugang verboten. Sie hätten den Händlern ja lästig fallen können. Darüber hinaus hielt ein Vogt Wache. Zu welchen Tageszeiten genau Börse gehalten wurde, ob es Regeln oder Vorschriften gab und wie es genau um die amtliche Aufsicht bestellt war, ist nicht bekannt. Die Funktionsweise der ersten Handelsbörse basierte auf Bräuchen und wurde nie schriftlich festgelegt. Erst im sechzehnten Jahrhundert wurde die Antwerpener Börse als erste schriftlich festgehalten.

Wie auch immer lebt in dem Wort „Börse“ die alte brüggesche Gastwirtsfamilie fort. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Name und das Wappen der Familie Van der Buerse am Entstehen der Assoziierung zwischen dem brüggeschen Platz „Beursplein“ und dem Begriff des Aktienmarkts maßgeblich beteiligt war. Jedoch scheint die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Börse“ sich eher auf den Platz als auf das Gebäude zu beziehen. Der erste Autor, der die brüggesche Handelsbörse erwähnt, ist Hieronymus Muenze, ein deutscher Arzt aus Nürnberg, der 1495 eine lange Reise durch Europa unternahm. Aus seinen Reisetagebüchern geht hervor, dass er 1495 in Brügge in einem Gasthof auf dem Platz vor der Herberge Ter Buerse verweilte. Er schreibt folgendes: „Es gibt in Brügge einen Platz, auf dem sich die Kaufleute treffen, den man De Beurs nennt. Dort kommen Spanier, Italiener, Engländer, Deutsche, Orientalen, kurzum alle Nationen zusammen.“ Nach dem Niedergang von Brügge verlagerte sich das finanzielle Zentrum im darauf folgenden Jahrhundert nach Antwerpen. Dort sprach man schnell von „der neuen Börse“, ein Platz, auf dem sich die Händler trafen. Von Antwerpen aus fand das Wort „beurs“ seinen Weg nach Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland, wo das Wort zu bourse, borsa, bolsa bzw. Börse mutierte. Auch in England wurde zwischen 1550 und 1775 der Begriff „Burse“ gebraucht, bis sich schließlich die Bezeichnung „Royal Exchange“ durchsetzte.

Dass die Stadt Brügge eine wesentliche Rolle bei der Entstehung der Börse spielte, steht jedenfalls fest. Gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts verlor Brügge seine Bedeutung als Finanzzentrum. Danach folgte noch eine lange Geschichte des Aktienhandels, aus der die geschäftige und spekulative Börse entstand, die wir heute kennen.

Leen Bultinck
Museumsführerin