Die Fassade des Museums der Belgischen Nationalbank  Share

Bevor wir genauer auf dieses Thema eingehen, sollten wir ein paar Worte über das Hôtel du Gouverneur verlieren. Im Französischen bezeichnet das Wort „Hôtel“ seit dem 18. Jahrhundert den festen oder vorübergehenden Stadtwohnsitz einer hochgestellten Persönlichkeit, in diesem Fall des Gouverneurs. Die Satzung der Belgischen Nationalbank sah vor, dass der Gouverneur in Brüssel wohnen musste; im Gegenzug übernahm die Nationalbank die Möblierung und Unterhaltung seiner Wohnung.


Wohnung des Gouverneurs

Die erste Nationalbank befand sich nicht hier, sondern etwas weiter weg, in der Rue Montagne aux Herbes Potagères. Sie zog ein erstes Mal in die Rue Royale um, bevor sie sich 1865 endgültig in der Rue du Bois Sauvage niederließ. Dieser letzte Umzug vollzog sich in zwei Etappen; 1865 zogen die Bank- und Verwaltungsabteilungen um und 1867 der Gouverneur und seine Familie.

Es ist interessant, dass einige Gouverneure diese Wohnung trotz ihres Prunks und ihres hohen Komforts als zu groß, zu kalt und für ein Familienleben ungeeignet erachteten. Einige lehnten es ab, dort ständig zu wohnen, und viele verbrachten den Großteil ihrer Freizeit in ihrer Zweitwohnung. Ab 1957 wurde das Hôtel nicht mehr als Wohnsitz des Gouverneurs verwendet, obwohl es immer noch als sein offizieller Wohnsitz gilt und Repräsentationszwecken dient.

Architekt Henri BeyaertDie Gebäude der Nationalbank wurden von den belgischen Architekten Henri Beyaert (Courtrai 1823 Brüssel 1894) und Wynand Janssens (Brüssel, 1827 – 1913) in einem überwiegend klassischen Stil erbaut, der sich stark an die Ecole des Beaux-Arts (Schule der Schönen Künste) anlehnt. Dieser Bezug kommt in der Symmetrie der Fassade sehr deutlich zum Ausdruck.

Aber Henri Beyaert gilt auch als einer der bedeutendsten Vertreter der eklektischen Baukunst in Belgien. Dieser Stil bzw. diese architektonische Richtung war in Westeuropa von 1860 bis Ende 1920 verbreitet. Dabei wurden die von verschiedenen Stilarten oder Epochen der Kunst- und Architekturgeschichte entliehenen Elemente miteinander vermischt.

Das Baudatum der Nationalbank fällt in die Zeit der Umgestaltung Brüssels, die aus städtebaulichen und hygienischen Gründen erforderlich wurde. Die Lage des Gebäudes auf halbem Weg zwischen dem Stadtzentrum und dem Viertel der politischen Macht zeigt, dass es sich um eine aufstrebende Institution handelt, die vom Staat dazu auserkoren ist, die Wirtschafts- und Finanzentwicklung zu fördern.

Zur damaligen Zeit hing die Wahl des Baustils von den Vorstellungen und moralischen Werten ab, die sich die Institution auf die Fahnen schreiben wollte. Die Banken entschieden sich meist für das späte Mittelalter, die italienische Renaissance. Die Entscheidung für die letztgenannte Stilepoche überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass die Renaissance in Italien und insbesondere in Florenz von einer der größten Bankiersfamilien, nämlich den Medici, geprägt wurde. Diese italienischen Referenzen sucht man hier zwar vergebens, aber die Gebäudefassade weist wie alle anderen Banken Symbole für Sicherheit, Macht und Vertrauen auf.

Alle tragenden Elemente sind aus Backstein, während die Fassade und die Wände der Eingangshalle aus weißem Stein bestehen. Die sehr reiche Verzierung greift Elemente auf, die “aus dem klassischen Repertoire der Ecole des Beaux-Arts stammen”, wie z. B. Girlanden, Rosetten und Palmetten. Die Symmetrie der Fassade wurde offenbar durch die Anwendung wissenschaftlicher Regeln und Verhältnisgrößen wie dem goldenen Schnitt erreicht. Der im Stil des Second Empire dekorierte Innenbereich des Gebäudes verdeutlicht die Gesamtkonzeption von Beyaert, der höchstpersönlich Tische, Buffets, Feuerstellen oder Zangen bis ins kleinste Detail entwarf.

Schon auf den ersten Blick ist man von den monumentalen Ausmaßen des Gebäudes überwältigt. Die leicht zurückgesetzte Fassade wird von zwei riesigen Vorbauten mit je zwei Karyatiden umrahmt. Diese vier Frauenstatuen symbolisieren den Handel, die Industrie, die Landwirtschaft und die Schönen Künste, also “die Hauptquellen des Wohlstands des Staates“, wie es in dem Programm heißt, dass die Architekten im Mai 1863 Gouverneur de Haussy vorlegten. Sie waren in den ursprünglichen Bauplänen nicht vorgesehen gewesen. Die rechten Statuen werden Léopold Wiener (Bildhauer, Medailleur und Graveur, 1823-1891) und die linken Egide Mélot (Bildhauer, Antwerpen 1817- Schaerbeek 1885) zugeschrieben.

Über den neun Fenstern sind die Wappen der Provinzen angebracht; die der Vorbauten sind die Wappen der Provinzen Antwerpen und Brabant, in denen sich die beiden größten Zweigstellen der Nationalbank befinden. Die Skulpturen der Kartuschen am oberen Rand verkörpern ethische und wirtschaftliche Themen: die Justiz, der militärische Ruhm, die Textilindustrie, den Bergbau, die Metallindustrie und die Schifffahrt. Einige dieser Themen werden auf der Wandverkleidung des Saals der Generalversammlung wieder aufgegriffen, wie z. B. die Schifffahrt und die Justiz.

Skulptur: Allegorie des FriedensÜber dem Eingang zum Hôtel befinden sich Skulpturen, die einen Bienenstock darstellen, das Symbol für eine Gemeinschaft; dieses Symbol findet sich an der Decke des Büros des Gouverneurs wieder und ist dort von einer Lokomotive und einer Lichtmaschine umrahmt, “den jüngsten Prunkstücken des nationalen Erfindergeists”. Der Giebel des Kundeneingangs ist mit einer Galionsfigur und den wichtigsten See- und Binnenhäfen (Gent, Lüttich, Antwerpen, Ostende) geschmückt. Über den beiden Zugängen – der eine privat, der andere öffentlich – ist eine Allegorie des Friedens bzw. der Arbeit zu sehen. Diese aus Savonnière, einem Kalkstein, geformten Statuen stammen von Edouard Fiers (Ypres, 1822 – 1894).

Der Rest der Fassade verliert sich unter üppig ausgestalteten Dekoration aus Vasen, Muscheln, Rosetten und Friesen.
Halten Sie also die Augen offen, wenn Sie in Brüssel spazieren gehen, denn es gibt noch viele andere Fassaden, die ebenfalls solche Geheimnisse bergen.

Nathalie Dumont
Museumsführerin

Nach

  • Danneel M., Logie C., Pluym W., Randaxhe Y. & Victoir J., L’hôtel du gouverneur de la Banque Nationale de Belgique, Pandora, Anvers, 1995.
  • Victoir J. & Vanderperren J., Henri Beyaert, du classicisme à l’Art Nouveau, Editions de la Dyle, Gand, 1992.