Die ersten „belgischen” Münzen: Lion d’or und Lion d’argent der Vereinigten Belgischen Staaten  Share

Im Jahr 1830 erlangte Belgien seine Unabhängigkeit. Die Geschichte des belgischen Franken, der 1999 durch den Euro ersetzt wurde, reicht bis in das Jahr 1832 zurück, in dem seine Merkmale gesetzlich geregelt wurden. Die ersten “belgischen” Münzen wurden einige Jahre früher, nämlich 1790, geschlagen. Vier Exemplare dieser Münzen sind in der Vitrine Nr. 17 in Raum 4 ausgestellt.

Belgische Munz

Durch den Vertrag von Utrecht (1713) wurde das Gebiet, das heute Belgien und Luxemburg (mit Ausnahme des unabhängigen Fürstentums Lüttich) umfasst, dem Hoheitsgebiet des Heiligen Römischen Kaisers Karl VI., dem obersten Repräsentanten des österreichischen Zweigs des Hauses Habsburg, zugeschlagen. Obwohl es einen Kaiser gab, wurde das Gebiet in ein Dutzend verschiedene Grafschaften, Herzogtümer und Lehen aufgeteilt, von denen jede bzw. jedes eine eigene Vertretung hatte, nämlich die Etats oder Stände.

Die Stände waren ein Überbleibsel des späten Mittelalters. Der Begriff bezeichnet die drei Stände im jeweiligen Gebiet der Herrschaft. Der Adel (der erste Stand) und die Geistlichkeit (der zweite Stand) waren die beiden mächtigsten Stände. Der dritte Stand, dem die Bürger bzw. die reichen Kaufleute und Handwerker aus den großen Städten angehörten, war zunächst weniger mächtig als die anderen beiden Stände, jedoch sehr bestrebt, in verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten an Einfluss zu gewinnen. In der Ständeversammlung mussten sich die drei Stände auf ein internes Machtgleichgewicht einigen und mit ihrer Herrschaft verhandeln. Dabei dürfte es nicht selten zu Auseinandersetzungen gekommen sein. Noch weniger überrascht es, dass jeder brutale oder raffinierte Versuch der Herrschaft, die Macht der Stände (d.h. der örtlichen Elite) zu mindern, auf Widerstand stieß. In dieser Hinsicht waren die südlichen Niederlande in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer noch sehr von mittelalterlichen Praktiken geprägt.

Joseph II

Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1765 war Joseph zum Kaiser gekrönt und zum Mitherrscher ernannt worden, jedoch behielt seine Mutter Maria Theresia die meiste Macht in ihren Händen ein Zustand, der zu häufigen Zusammenstößen zwischen der willensstarken Mutter und dem willensstarken Sohn führte. Als Joseph im Jahr 1780 zum alleinigen Herrscher wurde, war er entschlossen, eine eigene Politik zu betreiben. Seine eigenmächtige Art, in der er liberale Reformen durchsetzte, wurde jedoch nicht von allen Untertanen gut geheißen. Nach Meinung von Historikern sind seine Reformen ein Beispiel für eine von oben nach unten verlaufende Revolution.

Das eifrige Streben Joseph II. nach Modernisierung löste in den oberen Klassen eine große Unzufriedenheit aus. Die österreichische Regierung war nicht länger geneigt, die Reste feudaler Privilegien zu bewahren. Der Kaiser strebte einen modernen, zentral gelenkten Staat an, der in fast allen Bereichen das Sagen hatte. Die Religionsfreiheit zum Beispiel, ein Element der Kirchenreform, für die er sich einsetzte, lag ihm sehr am Herzen; die südlichen Niederlande, die römisch-katholisch waren, zeigten diesbezüglich besonders viel Widerstand. Ungeachtet der örtlichen Gebräuche und Gepflogenheiten setzte er außerdem Reformen im Bildungs- und Sozialwesen durch.

Der ersten Reformwelle von 1781 folgte bald eine Zweite, nämlich im Jahr 1784. Dieser ständige Prozess von Veränderungen und Reformen entfachte Protest in den südlichen Niederlanden. Nacheinander äußerten die Stände in den Gebieten Hennegau, Brabant und Flandern offiziell Protest gegen ihren Kaiser. Dieses Gefühl der Unzufriedenheit führte zu Aufständen und zu Störungen der öffentlichen Ordnung; es wurde eine Bürgerwehr eingesetzt, um die kaiserliche Armee zu bekämpfen. Unter den örtlichen Würdenträgern bildeten sich zwei Widerstandsnester heraus. Um den Brüsseler Rechtsanwalt Hendrik Van der Noot, der in katholischen und konservativen Kreisen besonders angesehen war, bildete sich die erste Brutstätte des Widerstands. Eher fortschrittlich orientierte Würdenträger, die anfangs die Reformen des Hauses Habsburg begrüßt hatten, schlossen sich einem anderen Rechtsanwalt, F.J. Vonck, an. Die zunehmende Unterdrückung, die von Wien ausging, sorgte jedoch dafür, dass diese ihre Meinung änderten. Die Rebellenbewegung wurde auch von der Kirche selbst geschürt. Sobald die örtlichen Bischöfe Joseph II., der wahrhaft römisch-katholisch war, aufgrund seiner Proklamation der Religionsfreiheit einen Häretiker genannt hatten, war der Durchbruch geschafft. Die konservativen und progressiven Kräfte vereinten sich, um gemeinsam den Kaiser zu bekämpfen. In Breda wurde ein Komitee der nationalen Befreiung eingesetzt und am 24. Oktober 1789 griff ein aus 2.800 Soldaten bestehendes Heer den Feind an. Drei Tage später besiegte es die österreichischen Streitkräfte in Turnhout. Am 16. November eroberten die Truppen Gent und am 12. Dezember wurde die Hauptstadt Brüssel von den Patrioten besetzt. Zehn Tage später waren alle Provinzen der südlichen Niederlande mit Ausnahme Luxemburgs befreit.

Dieser Aufstand, der auch als Brabanter Revolution bezeichnet wird, führte zur Schaffung einer neuen Republik, den Etats Belgiques Unis. Nachdem die konservativen und progressiven Kräfte gemeinsam den Sieg errungen hatten, zerstritten sie sich jedoch. Die konservativen Statisten behielten letztendlich die Oberhand und zogen triumphierend in Brüssel ein. Da die Herrschaft bei den (Provinz-)Ständen lag, war die Republik konföderativ und befand sich im Grunde in den Händen der alten Eliten. Die Anhänger von F.J. Vonck traten für ein parlamentarisches System ein, ähnlich demjenigen, das in Frankreich nach der französischen Revolution geschaffen worden war. Sie mussten sich jedoch geschlagen geben und flohen aus dem Land. Die Revolution fand große Unterstützung in den Städten. Die Bauern hingegen hatten wenig mit den Revolutionären der Mittelklasse gemein und unterstützten im Regelfall die Österreicher. Sie zogen einen ausländischen, autoritären Kaiser, der sich um ihre Probleme kümmerte, einer örtlichen Elite vor, die sich nicht im Mindesten für sie interessierte. Ihr Aufstand wurde jedoch brutal niedergeschlagen, da die Machthaber befürchteten, dass sich die Rebellen noch mehr von den radikalen Ideen der Franzosen und den Vorkommnissen in Frankreich anstecken lassen würden.

Löwe

In der Zwischenzeit begann die neue Republik, eigene Münzen zu schlagen; (es waren mehrere Münzen vorgesehen, jedoch wurden nicht alle wirklich geschlagen): Lion d’or und Lion d’argent, eine halbe Lion d’or und eine halbe Lion d’argent, Münzen von einem Florin und einem halben Florin, Münzen von fünf Sol sowie von zehn, zwei und einem Liard. Bei den Münzen in der Vitrine Nr. 17 handelt es ich um eine Lion d’or und eine Lion d’argent sowie zwei Münzen von einem Florin. Der Löwe schwingt das Schwert, um die Revolution zu beschützen, und stützt sich auf einen Schild, das die Worte LIBERTAS trägt. Auf der Rückseite dieser Münze ist das Wappen der 11 Provinzen abgebildet.

Die Münzen wurden von Theodore Van Berckel entworfen, einem Graveur der Brüsseler Münzanstalt. Wie bereits erwähnt, wurden nicht alle Münzen geschlagen, da die Österreicher Ende November des Jahres 1790 die österreichischen Niederlande zurückeroberten. Die Spannungen zwischen den konservativen und progressiven Kräften sowie die fehlende Unterstützung der jungen Republik aus dem Ausland erwiesen sich als unüberwindbare Hemmnisse. Obwohl die Österreicher in die südlichen Niederlande zurückkehrten, wurde das Ergebnis der Brabanter Revolution nicht völlig zunichte gemacht. Die in dem Gebiet bestehende Uneinigkeit zwischen den Anhängern von Van der Noot und Vonck dauerte an und bildete den Ausgangspunkt für zwei politische Bewegungen, welche die belgische Geschichte bis in das 19. Jahrhundert prägte: die Bewegung der Katholiken und die der Liberalen. In Jahr 1830, als Belgien endlich unabhängig wurde, zogen die Freiheitskämpfer hieraus jedoch gute Lehren und banden die europäischen Dynastien in die Schaffung eines neuen Staates, genauer gesagt einer neuen Monarchie, ein.

Natan Hertogen
Museumsführer

Nach:

  • Blom J.H.C. & Lamberts E. (red.), Geschiedenis van de Nederlanden, Hb Uitgevers, Baarn, p. 235-242.