Der Vierlander, ein Vorläufer des Euro. Die Anfänge einer Währungsunion  Share

Seit der Erfindung des Geldes haben viele Regionen, Städte, Länder und Völker ihre eigenen Zahlungsmittel eingesetzt. Hierdurch ist eine enorme Vielfalt an Währungen entstanden. Der Euro, der heute in immer mehr Ländern als Zahlungsmittel verwendet wird, ist das Ergebnis eines langwierigen Prozesses, der zur europäischen Währungsunion führte. Der Vierlander (= vier Länder), eine Silbermünze aus dem 15. Jahrhundert, die wir diesen Monat vorstellen, gehört zu den frühen Wegbereitern der Währungsunion.

Philip der Gute (1396 - 1467)

Philip der Gute (1396 – 1467)

Erste Versuche einer monetären Einigung in den Niederlanden reichen zurück bis in die Herrschaftszeit der Herzöge von Burgund. Philip der Kühne (1342-1404) hatte 1384 vergeblich versucht, eine Währungsunion zwischen Flandern und Brabant herbeizuführen. Nach seinem gescheiterten Versuch erkannte Philip der Gute (1396-1467), dass eine monetäre Union nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie von einer politischen Einigung begleitet wird. Nach dem Tod seines Vaters Johann dem Furchtlosen 1419 bestieg er den Thron des Herzogtums von Burgund und der Provinz Flandern. Während seiner Herrschaft versuchte er, eine geografische Einigung zu erzielen und erweiterte seinen Herrschaftsbereich durch den Erwerb zahlreicher Gebiete: die Provinz Namur 1429, die Herzogtümer Brabant und Limburg 1430, die Grafschaften Hennegau, Holland und Zeeland 1436, und schließlich 1451 das Großherzogtum Luxemburg. Bis zu seinem Tode 1467 war es ihm gelungen, die gesamten burgundischen Niederlande zu vereinigen. Fast alle Gebiete, die heute zu Belgien gehören, unterstanden damals seiner Herrschaft.

Eine einheitliche, starke und stabile Währung war für Philip den Guten eine wichtige Voraussetzung, um den Handel und die wirtschaftliche Entwicklung in seinen Gebieten zu fördern und einen zentral regierten Staat zu schaffen. 1434 wurde per Einigungsverordnung die Einführung einer neuen einheitlichen Währung in den sogenannten vier landen, Flandern, Brabant, Hennegau und Holland, beschlossen. Zu dieser Währung gehörten zwei Goldmünzen (Philippus oder Goldener Reiter und 1/2 Goldener Reiter), vier Silbermünzen (Vierlander oder Doppelgroschen oder Patard mit seinen Untereinheiten: 1/2 Vierlander oder Groschen, 1/4 Vierlander oder 1/2 Groschen und 1/8 Vierlander oder 1/4 Groschen) und zwei Billionmünzen (Doppelmiten, Miten). Für alle diese Münzen galten die gleichen Anforderungen hinsichtlich Typ, Gewicht und Feingehalt . Der flandrische Groschen bildete die Grundlage für das neue System. Die Harmonisierungsversuche Philips des Guten waren allerdings nicht immer erfolgreich. So zum Beispiel wurde die kleine Billionmünze nicht überall akzeptiert, und es bildeten sich unterschiedlichen Varianten heraus.

Vierlander von Flandern: recto - versoWie zuvor erwähnt wurden vier neue Silbermünzen eingeführt. Die größte war der Vierlander, der die vier Teile des Reiches bezeichnete, in denen die neuen Silbermünzen geprägt wurden. Wäre diese Münze auch noch in der Münzstätte der Provinz Namur geprägt worden, wie ursprünglich vorgesehen, so hätte sie Vijflander (= fünf Länder) heissen müssen.

Vierlander von Brabant: recto - verso

The vierlander von Brabant: recto – verso

Betrachten wir nun einmal die Münze genauer. Sie hat einen Durchmesser von 29 mm, ein Gewicht von 3,4 g und einen Feingehalt von 479/1000 Silber. Die Vorderseite zeigt das Wappen der Herzöge von Burgund. Die rechte Seite der Beschriftung +PHS:DEI:GRA:DVX:BVRG (Philip, durch die Gnade Gottes, Herzog von Burgund) bezeichnet den Namen des Herzogs. Sie ist auf allen Münzen identisch. Die linke Seite der Beschriftung variiert je nach Prägungsort der Münze und steht für den Titel Philips des Guten in diesen Gebieten: BRAB:Z:LIMB (Herzog von Brabant und Limburg), :COMES:FLA(ND) (Graf von Flandern), :COM:HANONIE (Graf von Hennegau), :COM:HOLD:Z: (Graf von Holland).Die Rückseite ist je nach Prägungsort unterschiedlich gestaltet. Sie zeigt das Langkreuz, das bis in die Beschriftung reicht, in den vier Winkeln sind zwei Löwen und zwei Lilien zu erkennen. Das Symbol in der Raute in der Münzmitte zeigt den Prägungsort der Münze: ein Löwe für Brabant, eine Lilie für Flandern, eine Rose für Holland und das Monogramm H für Hennegau. Der rechte Teil der Beschriftung zeigt, dass es sich um eine neue Münze handelt: +MONET-A: NOVA. Der linke Teil gibt Auskunft über den Prägungsort der Münze: DVC:BR-ABANT (Herzogtum Brabant), C-OMITIS:-FLAND (Grafschaft Flandern), V-ALENCE-NENSIS (Valenciennes in der Grafschaft Hennegau), COM:HO-LD:Z:ZE (Grafschaft Holland und Zeeland).

Territorialen SymboleDiese territorialen Symbole, ebenso wie die unterschiedlichen Beschriftungen, sind die einzigen Elemente, die Aufschluss über den Prägungsort der Münze geben. Es gibt keinerlei Hinweise auf die Münzstätte oder den Münzmeister. Erst während der Herrschaft Karls des Kühnen (1433-1477), dem Nachfolger von Philip dem Guten, wurden Prägezeichen auf Münzen eingeführt.

Abgesehen von der Einführung einiger neuer Münzen und der Entwertung der Silbermünzen wurden während der Herrschaft Philips des Guten keine weiteren Änderungen an dem 1434 eingeleiteten einheitlichen Münzsystem vorgenommen. Aufgrund des ständig steigenden Goldpreises wurden zwei weitere Goldmünzen in Umlauf gebracht: der lion d’or (1454) und der burgundische Florin (1466). Im gleichen Jahr wurde das Gewicht des Vierlanders auf 2,97 g gesenkt.

Der Vierlander ist das Ergebnis eines der ersten Versuche, eine monetäre Einheit zwischen verschiedenen europäischen Gebieten zu schaffen. Heute, ein paar Jahrhundete später, steht der Euro für das Resultat eines langwierigen europäischen Einigungsprozesses. Vor diesem Hintergrund ist es sicher gerechtfertigt, den Vierlander als Vorläufer des Euro zu bezeichnen.

(1) Diese neuen Münzen wurden in Burgund und Franche Comté niemals geprägt oder in Umlauf gebracht.

Laurence Herman
Museumsführerin

Nach:

  • Engel A. & Serrure R., Traité de numismatique du Moyen Age, T. III: depuis l’apparition du gros d’argent jusqu’à la création du thaler, Paris, 1905.
  • Van Gelder H.E. & Hoc M., Les monnaies des Pays-Bas bourguignons et espagnols, 1434-1713, Amsterdam, 1960.
  • Van muntslag tot muntschat. Twintig eeuwen geldgeschiedenis in het Land van Waas. Tentoonstelling in de vernieuwde lokalen van de Nationale Bank van België te Sint-Niklaas naar aanleiding van het 125-jarig bestaan van de Koninklijke Oudheidkundige Kring van het Land van Waas, 25 oktober 1985 – 11 januari 1986, Bruxelles, 1985.
  • Baerten J., “Unions et unifications monétaires en Europe depuis la Grèce antique jusqu’à l’Euro”, dans Archives et bibliothèques de Belgique, numéro spécial 59, Bruxelles, 1999.
  • Une monnaie pour l’Europe, ouvrage édité à l’occasion de l’exposition “Une monnaie en Europe”, organisée dans la Galerie du Crédit Communale du 11 septembre au 10 novembre 1991, Bruxelles, 1991.