Die Kupferplatten, ein außergewöhnliches Zahlungsmittel!  Share

Diese Kupferplatten stammen von der Nordwestküste der Vereinigten Staaten und Kanadas. Sie wurden von fünf Indianerstämmen verwendet: von den Haida, den Tlinglit, den Timishian, den Kwakiutl und den Bella Colla.

Kupferplatten
Kupferplatten von der Nordwestküste der Vereinigten Staaten und Kanadas, von Indianerstämmen verwendet

Diese Platten haben immer dieselbe Form: ein flacher Gegenstand in Form eines zweiteiligen Schilds. Der obere Teil ist ein Trapez und der untere Teil ein Rechteck mit einem Relief in T-Form. Ihre Größe war unterschiedlich, wobei die größeren Modelle wertvoller waren als die kleinen.

Einige dieser Platten sind auch auf den oberen Teil verziert. Die Verzierungen sind eingeritzt und bisweilen bemalt. Sie stellen Tiere dar, ähnlich wie sie auf Häusern und anderen Gegenständen zu sehen sind. Diese Tiere sind das Wappen der Eigentümer. Diese Kulturen haben nämlich eine komplexe Kosmologie, in der die Menschen von den Tieren abstammen. Jede Familie hat eine besondere Beziehung zu einem Tier, die sich in verschiedenen Mythen widerspiegelt. Durch diese Beziehung darf sie das Tier auf ihrem Hab und Gut abbilden.

Diese Kupferplatten werden noch heute verwendet, aber sie hatten ihre Hochzeit im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts. Man geht davon aus, dass es Kupferplatten bereits in den Neunzigerjahren des 18. Jahrhunderts gab, bevor es zu ersten Kontakten mit westlichen Händlern und Forschern kam, doch stieg ihre Produktion infolge dieser Kontakte sprunghaft an.

Der Wert dieser Kupferplatten wurde in Decken ausgedrückt
Der Wert dieser Kupferplatten wurde in Decken ausgedrückt

Die Kupferplatten sind in diesen Gemeinschaften der Nordwestküste ein äußerst wichtiges Symbol. Wurden sie getauscht, stellten sie in dem komplexen Tauschhandelsystem dieser Gruppen eine Art Geld dar, aber sie waren auch Prestigeobjekte, die Aufschluss über den Reichtum ihrer Eigentümer gaben. Der Wert dieser Kupferplatten wurde in Sklaven und Decken ausgedrückt, die in diesen Gemeinschaften ebenfalls gebräuchliche Tauschmittel waren. Eine große Kupferplatte war etwa zehn Sklaven und vierzig bis achtzig Decken wert. Außerdem richtete sich der Wert einer Kupferplatte danach, wieviel der Besitzer dafür bezahlt hatte, und er stieg bei jedem Besitzerwechsel, wie auch das Prestige des Objekts.

Die Kupferplatten waren jedoch sehr viel mehr als einfache Zahlungsmittel; sie hatten noch viele andere Funktionen und Bedeutungen. Um diese zu verstehen, muss man wissen, dass diese Gemeinschaften sehr hierarchisch aufgebaut waren. Sie waren in drei soziale Schichten unterteilt: die Häuptlinge, das gemeine Volk und die Sklaven. Die Kupferplatten wurden jedem sozialen Rang unterschiedlich zugeordnet. Sie waren das Eigentum der Häuptlinge (einige hochrangige Personen trugen in ihrem Namen einen Hinweis auf das Kupfer, wie z. B. “Der das Kupfer herstellt”), aber sie hatten eine mythologische Verbindung zu den Schamanen, die dem gemeinen Volk angehörten. In einigen rituellen Zeremonien wie den Potlatchs dienten sie bisweilen auch als Sklavenersatz.

Potlatchs, rituelle Zeremonien, die von den Häuptlingen organisiert wurden © 1999 Don Macnaughtan
Potlatchs, rituelle Zeremonien, die von den Häuptlingen organisiert wurden © 1999 Don Macnaughtan

Potlatchs waren rituelle Zeremonien, die von den Häuptlingen organisiert wurden, die ihre soziale Schicht repräsentierten. Bei einer solchen Zeremonie verschenkten die Häuptlinge große Mengen von Waren. Diese Zeremonien fanden meist statt, um einen Rangwechsel bei den Häuptlingen oder die Einführung eines Nachfolgers zu besiegeln. Durch die Verteilung der Geschenke festigte der Häuptling seine soziale Stellung und seinen Titel. Die Gäste, die diesem Ereignis beiwohnten, wurden mit Geschenken “bezahlt”, um die Änderung des Sozialstatus festzustellen.

Bei diesen Potlatchs spielten die Kupferplatten als Symbol des Reichtums eine herausragende Rolle. Der Weg, den die Kupferplatten von einer Gruppe zur anderen nahmen, gibt Aufschluss über einige der wichtigsten Ereignisse und Geschäfte des aktuellen Eigentümers und der vorherigen Eigentümer. Bei diesen Potlatchs konnten die Sklaven Teil der verschenkten Reichtümer sein. Sie konnten während der Zeremonie getötet werden, um den Reichtum ihrer Besitzer zu demonstrieren. Dabei konnten die Sklaven durch Kupferplatten ersetzt werden, die an ihrer Stelle zerstört wurden.

Die Kupferplatten spielten auch eine wichtige Rolle bei den Nachfolgeriten, denn sie ermöglichten es dem Nachfolger, genug Reichtum anzuhäufen, um Häuptling zu werden. Sie wurden auch bei Hochzeiten und Ehrungen verstorbener Häuptlinge verwendet. Sie konnten auch beim Prestigekampf zwischen zwei Häuptlingen eingesetzt werden. Wenn ein Häuptling einen Rivalen übertrumpfen wollte, brach er ein Stück vom Oberteil einer Platte entzwei und gab seinem Konkurrenten die Scherben. Dieser musste im Gegenzug eine Kupferplatte gleichen Werts zerbrechen und dem ersten Häuptling alle Teile geben. Dies ging so weiter, bis einer der beiden Häuptlinge seine Ressourcen aufgebraucht hatte und mit einem großen Prestigeverlust seine Niederlage eingestehen musste. Aus diesem Grund ist das Ausstellungsstück des Museums zerbrochen. Erstaunlicherweise war eine Kupferplatte mehr wert, wenn sie zerbrochen war.

Die Indianer der Nordwestküste wählten das Kupfer als Zahlungsmittel, weil dieses Metall für sie eine große Symbolkraft besitzt. In ihren Mythen schrieben sie dem Kupfer eine übernatürliche Herkunft zu. Die Indianer glaubten, dass der zufällige Fund von Kupfer ein Beweis für die Verbindung mit dem Übernatürlichen ist; Kupfer wurde somit zum Symbol für Reichtum und Macht. Schließlich wurden dem Kupfer auch heilende Eigenschaften nachgesagt; so sollte es gegen bestimmte Krankheiten helfen und als Verhütungsmittel dienen, wenn man eine Kupferplatte unter das Bett einer Frau legt.

Marie Pasteger
Museumsführerin

Nach:

  • Jopling C.F., The Coppers of the Northwest Coast Indians: Their Origin, Development, and Possible Antecedents, The American Philosophical Society, Philadelphia, 1989.