- Museum of the National Bank of Belgium - https://www.nbbmuseum.be/de -

Geldnot?

Jeder hat schon einmal vom Schwarzmarkt gehört, der während der beiden Weltkriege florierte. Aber wissen Sie auch, wie diese Geschäfte vor allem während des Ersten Weltkriegs bezahlt wurden? Am Anfang wurden noch die Banknoten der Belgischen Nationalbank verwendet. Aber dann…

Banknote zu 5 FrankenBanknote zu 2 FrankenBanknote zu 1 Frank

Der Krieg drohte auszubrechen, die Bevölkerung geriet in Panik. So strömten die Menschen Ende Juli/Anfang August 1914 zur Nationalbank, um die Banknoten – denen sie immer weniger vertrauten – in Münzen umzutauschen. Bald waren die wegen ihres Metallwerts gehorteten Silbermünzen (von fünfzig Centimes bis fünf Francs) aus dem Geldumlauf verschwunden. Dadurch gab es immer mehr Schwierigkeiten bei den Kleinzahlungen. Um dieses neue Problem zu lösen, warf die Nationalbank, nachdem sie die seit 1920 gedruckten und gelagerten Fünf-Franc-Noten in Umlauf gegeben hatte, ab dem 27. August 1914 Banknoten zu 1 und 2 Franken auf den Markt. Diese Entscheidung konnte die Münzverknappung jedoch nur verschlimmern.

Zahlreiche Gemeinden hatten sehr bald große Finanzprobleme. Neben den täglichen Ausgaben hatten sie aufgrund der Umstände zusätzliche Aufwendungen zu leisten. Sie mussten nämlich für den Wehrsold, die Kriegsschäden usw. aufkommen. Auf ihre Finanzreserven konnten sie nicht mehr zurückgreifen, denn die waren teilweise durch Kriegsmaßnahmen blockiert; so konnten durch das Einlagenmoratorium Gelder nur noch in begrenzter Höhe abgehoben werden.

Bereits im August führten die ersten Gemeinden ein neues System ein, um ihren Finanzproblemen zu begegnen: Notgeldscheine, auch “chèques de retrait” (Abhebungsschecks) genannt. Genauer gesagt, die Gemeinden gaben ihr eigenes Geld in Umlauf und besorgten sich selbst und ihren Bürgern neue Zahlungsmittel. Dieses Beispiel machte Schule; die Zahl der Gemeinden, die ihre eigenen Geldscheine benutzten, wurde von manchen auf 480, von anderen sogar auf 600 beziffert.

Hatte die Bevölkerung Vertrauen in diese neuen Tauschmittel? Mehrere Gemeinden hatten Zwangsmaßnahmen für den Fall vorgesehen, dass die neuen Geldscheine nicht angenommen würden, aber letztendlich musste nicht oft zu diesem Mittel gegriffen werden.

Banknote zu 10 Centimes ausgegeben von der Stadt Löwen
Banknote zu 10 Centimes ausgegeben von der Stadt Löwen

Dann tauchten noch Schwierigkeiten auf, an die die Gemeinden nicht gedacht hatten, wie vor allem die geografische Begrenzung der Gültigkeit der Geldscheine. So waren kleine Gemeinden bei Lebensmitteln und Erdöl vollständig von einer Nachbarstadt abhängig, wie zum Beispiel Kessel-Lo von Löwen. Um dieses Problem zu lösen, wurden Verträge zwischen Städten und Gemeinden geschlossen, damit die Notgeldscheine in einem größeren Raum angenommen wurden. In Ostflandern bildeten zum Beispiel die Stadt Saint-Nicolas und rund zwanzig weitere Gemeinden der Umgebung die Union der Gemeinden von Waes. Die Gemeinden der Umgebung von Tournai schlossen ähnliche Verträge untereinander ab.

In rechtlicher Hinsicht gab es ein weiteres Problem. Nur die Nationalbank besaß das Emissionsrecht. So wurde das Notgeld als Schuldschein besonderer Art betrachtet…

Notmünze zu 25 Centimes ausgegeben von der Stadt Gent
Notmünze zu 25 Centimes ausgegeben von der Stadt Gent

Zum Schluss soll noch die Stadt Gent und ihr Notgeld besonders erwähnt werden. Sie war nämlich eine der ersten vier Gemeinden in Belgien, die parallel zu den Notgeldscheinen auch Notmünzen ausgab. Diese aus Pappe gefertigten Münzen erschienen erst 1918, nachdem die deutschen Besatzer die Ausgabe von kleinen, mit einer dünnen Kupferschicht überzogenen Eisenmünzen verboten hatten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Besitzer von Notgeldscheinen diese an den Schaltern der Nationalbank umtauschen.

Inge Vervloesem

Museumsführerin

Update 08.02.2013: Die belgische Notscheinesammlung des Ersten Weltkrieges jetzt online! [1]

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