Fünf Schweine? Das macht bitte eine Trommel!  Share

Das Museum der Belgischen Nationalbank besitzt in seiner Sammlung zwei Trommeln. Diese stammen aus Südostasien und stellten für bestimmte indigene Völker das Zahlungsmittel mit dem höchsten Wert dar. Die erste Trommel, die Moko, ist Teil der Dauerausstellung des Museums; die zweite, die Kyizi (oder Kyee-Zee), befindet sich dagegen im Bestand. Beide Trommeln hatten einen beträchtlichen wirtschaflichen Wert, der wohl mit ihrem hohen rituellen Wert zusammenhängt. Hierzulande ist die Geschichte dieser südostasiatischen Instrumente kaum bekannt, weshalb wir sie in der Märzausgabe von „Unter der Lupe“ vorstellen wollen.

Die Kyizi

Kyizi aus der Sammlung des Museums der Belgischen Nationalbank. © Museum der Belgischen Nationalbank

Kyizi aus der Sammlung des Museums der Belgischen Nationalbank. © Museum der Belgischen Nationalbank

Kyizis, auch „Shan-Trommeln“ genannt, wurden von den Karen benutzt, einer Ethnie, die in den Gebirgsmassiven Südostasiens lebt, vor allem in Myanmar und im Westen Thailands. Für die Karen stellten diese Trommeln eine Verbindung zu ihren Ahnen dar und wurden häufig bei festlichen Zeremonien und Bestattungen eingesetzt. Der Besitzer einer Kyizi genoss innerhalb seines Stammes einen besonderen Status. Da die Trommeln ein sichtbares Zeichen für Wohlstand waren, verkörperten sie auch eine gewisse Sicherheit. Herrschte beispielsweise eine Hungersnot, mussten sich diejenigen, die eine Trommel besaβen, keine Sorgen machen. Daher kam es innerhalb der Stämme immer wieder zu Streitigkeiten aufgrund dieser Instrumente.

Detaildarstellung einer Kyizi: Frosch auf der Oberseite der Trommel. © Museum der Belgischen Nationalbank

Detaildarstellung einer Kyizi: Frosch auf der Oberseite der Trommel. © Museum der Belgischen Nationalbank

Wurde z. B. eine Trommel geraubt und nicht zurückgegeben, so wurde der Hass zwischen den betroffenen Völkern von Generation zu Generation weitervererbt. Dieser konnte erst dann besänftigt werden, wenn die geraubte Kyizi durch ein anderes Exemplar ersetzt wurde oder wenn ein Angehöriger des Stammes, der die Fehde ausgelöst hatte, an den gegnerischen Stamm übergeben wurde. Meist waren Kyizis Bestandteil des Brautgeldes. Diese Sitte war auch bei dem in Laos lebenden Stamm der Lamet, der über die Karen mit diesen Trommeln in Berührung gekommen war, üblich.
Neben der Bezeichnung Kyizi sind diese Trommeln auch noch unter anderen Namen bekannt. So werden sie auch „Shan-Trommeln“ genannt, nach dem gleichnamigen Stamm, der sie herstellte. Dieser Stamm tauschte mit den Karen Musikinstrumente gegen Nahrungsmittel oder Gebrauchsgegenstände. Zuweilen wurden die Trommeln auch „Regentrommeln“ oder „Froschtrommeln“ genannt. Die Karen assoziierten ihren Klang mit dem Klang des Donners oder dem Quaken eines Frosches, die beide Regen ankündigen. Die Karen glaubten, dass durch das Schlagen der Trommel die Frösche zu quaken begännen und dort dann Regen fiele, was zu einer guten Ernte und damit zu Wohlstand führen würde. Der Bezug zu Fröschen setzt sich in der dreidimensionalen Darstellung dieser Tiere auf den Trommeln fort. Der Wert einer Kyizi variierte je nach Klang und Alter des Instruments. Die Trommeln waren bis ins 20. Jahrhundert hinein im Umlauf.

Die Moko

Ansicht der indonesischen Inselwelt, im umrahmten Bereich ist das Alor-Archipel abgebildet. © www.pindito.com

Ansicht der indonesischen Inselwelt, im umrahmten Bereich ist das Alor-Archipel abgebildet. © www.pindito.com

Im Jahr 1851 wurde erstmals erwähnt, dass die Moko auf der indonesischen Insel Alor als Zahlungsmittel eingesetzt wurde. Auch auf den Nachbarinseln Solor und Pantar war sie bekannt. Die ältesten Objekte dieser Art datieren aus der Bronzezeit. Darüber, wie die Trommel nach Alor kam, ist nichts Genaues bekannt. Von der Form her ist sie ähnlichen Objekten, die sich auf Bali und anderen südostasiatischen Inseln finden, vergleichbar. Auf Bali befindet sich im Tempel von Pejeng die älteste bekannte Bronzetrommel, der Mond von Pejeng.

Moko aus der Sammlung des Museums der Belgischen Nationalbank. © Museum der Belgischen Nationalbank

Moko aus der Sammlung des Museums der Belgischen Nationalbank. © Museum der Belgischen Nationalbank

Die Bewohner erzählen, die Mokos seien in der Erde gefunden und von den Göttern gesandt worden. Im Lauf des 19. Jahrhunderts kamen deutlich mehr Mokos, die in anderen Regionen – hauptsächlich auf Java – gefertigt worden waren, ins Land. Der Wert der alten Mokos stieg somit an, und der Einsatz dieser Instrumente als Zahlungsmittel wurde immer gebräuchlicher. Die Mokos waren das wertvollste Zahlungsmittel, gefolgt von Gongs und Schweinen. Pfeile bildeten das Kleingeld. Die Verzierung jeder Moko ist einzigartig, man findet dort Motive aus der Pflanzenwelt oder auch tanzende Figuren. Da die Trommeln auf Alor einen sehr hohen Wert besaβen, kamen sie vor allem für drei Zwecke zum Einsatz. Erstens konnte mit ihnen der Brautpreis für eine künftige Braut bezahlt werden. Eine Heirat stellte nämlich ein komplexes Geflecht von Tauschgeschäften zwischen den Familien dar, und zwar nicht nur zu Beginn, sondern während der gesamten Dauer der Ehe. Es mussten wechselseitige Zahlungen erfolgen. Um sich offiziell verloben zu können, musste der junge Mann dem Vater seiner Angebeteten eine Moko und der Mutter ein Halstuch übereignen. Damit traten beide Familien in eine Verhandlungsphase ein. Die Familie des Bräutigams zahlte der Familie der künftigen Ehefrau etwa den dreifachen Gegenwert der Geschenke, die sie selbst erhalten hatte. Mit der Zahlung der wertvollsten Moko zog die Braut in die Familie ihres Ehemanns um und lebte dort. Das restliche Brautgeld wurde später abbezahlt. Abgsehen von ihrer Verwendung bei Eheschlieβungen spielten Mokos auch bei Bestattungen eine wichtige Rolle. Wie für die Karen stellten die Trommeln auch auf Alor eine Verbindung zu den Ahnen dar und wurden von Generation zu Generation weitervererbt.

Bau eines typischen Wohnhauses. Die Mokos wurden im oberen Bereich aufbewahrt. © Cora Du Bois, 1960

Bau eines typischen Wohnhauses. Die Mokos wurden im oberen Bereich aufbewahrt. © Cora Du Bois, 1960

Und schlieβlich wurde auch der Bau eines Hauses mit Mokos bezahlt. Dadurch kam es bei der Erschaffung einer Wohnstätte zu jahrelangen Verzögerungen, denn Mokos konnte man sich nicht über Nacht beschaffen.
Der genaue Wert einer Moko war je nach ihrer Geschichte, ihrer Bekanntheit, ihres sentimentalen Werts, ihrer rituellen Funktion und ihren magischen Kräften unterschiedlich. Auch die Menge an innerhalb einer Gemeinschaft vorhandenen Mokos bestimmte deren Wert. Der Zustand der Trommel hingegen war unwichtig.
Die konstante Beschaffung von Mokos führte zu Finanzproblemen. Die niederländische Kolonialbehörde unternahm diesbezüglich Anfang des 20. Jahrhunderts Schritte, die 1914 zu einer Gesetzesreform führten. Infolge dieser Reform konnten Mokos Schritt für Schritt nicht mehr als Zahlungsmittel anerkannt werden und wurden durch Silber- oder Kupfergeld ersetzt. Dennoch wurden die Trommeln in den Jahren 1913 bis 1914 nach wie vor zur Zahlung von Steuern einsetzt. Auf diese Art gingen über 1000 Mokos in die Hände der Kolonialherren über, die sie umgehend zerstörten. Zur Zahlung des Brautgeldes fanden Mokos zusammen mit Schweinen, Ziegen, Stoffen und Nahrungsmitteln allerdings weiterhin Verwendung. Da der Besitz von Mokos für die Bewohner von Alor von groβer Wichtigkeit war, achtete man besonders auf deren Lagerung. Untergebracht wurden sie am häufigsten innerhalb des Hauses, in einer Art Getreidespeicher mit nur einem Zugang. Dieser lag im Haus, sodass niemand den Speicher unbemerkt betreten oder verlassen konnte. Sollte es bezüglich des Besitzes einer Trommel zu Unstimmigkeiten kommen, konnte diese auch an einem anderen sicheren Ort aufbewahrt werden. War einmal ein gutes Versteck gefunden, wurde dieses natürlich nicht preisgegeben. Der Besitz einer Moko bedeutete Wohlstand und Prestige.

Mokos und Gongs, die während einer Totenfeier auf dem Boden aufgestellt wurden, um Schulden zu begleichen. © Cora Du Bois, 1960

Mokos und Gongs, die während einer Totenfeier auf dem Boden aufgestellt wurden, um Schulden zu begleichen. © Cora Du Bois, 1960

Die teuersten Stücke waren demnach sehr wertvoll und befanden sich nicht im Besitz von Einzelpersonen, sondern repräsentierten vielmehr den Wohlstand einer ganzen Familie oder eines ganzen Dorfes. Diese Mokos in Gemeinschaftsbesitz wurden faktisch kaum als Zahlungsmittel genutzt. In der Tat gab es auf Alor nichts, was einen ähnlich hohen Wert wie diese Objekte besessen hätte.

Laurence Verpoort
Museumsführerin

Literaturhinweise

  • R.M. Cooler, The Karen Bronze Drums of Burma: Types, Iconography, Manufacture and Use, Leiden, 1995.
  • C. Du Bois, The People of Alor. A Social-Psychological Study of an East Indian Island, Cambridge, 1960.
  • P. Einzig, Primitive Money in its Ethnological, Historical and Economic Aspects, Oxford, 1966.
  • A.J.B. Kempers, The Kettledrums of South-East Asia. A Bronze Age world and its aftermath, Rotterdam, 1988.
  • H. Kimpel, Traditionelle Zahlungsmittel. Frühformen des Geldes, Vorformen der Münze, Zahlungsmittel und Wertobjekte der Naturvölker Reichtumsanzeiger, Wuppertal, 1994.
  • G. Kuhn en B. Rabus, Geld ist, was gilt. Primärgeld: Vormünzliche Zahlungsmittel aus aller Welt, Berlin, 2009.
  • C.J. Opitz, An Ethnographic Study of Traditional Money. A Definition of Money and Descriptions of Traditional Money, Ocala, 2000.
  • A.H. Quiggin, A Survey of Primitive Money. The Beginnings of Currency, Londen, 1949.
  • J. Schoonheyt, 4000 ans de moyens d’échange, Brüssel, 2013.