Victor Hugo: Aktionär der Nationalbank  Share

Das Dokument, das wir Ihnen präsentieren, ist ein Brief von Victor Hugo, der den Erhalt von Aktien der belgischen Nationalbank bestätigt.

 
Brief von Victor Hugo
Brief von Victor Hugo

Victor Hugo wurde 1802 in Besançon geboren und starb 1885 im Alter von 83 Jahren in Paris. Er ist der wichtigste französischsprachige romantische Autor. Sein Werk ist sehr vielfältig. Er schrieb Romane, lyrische Poesie, Dramen in Versen und in Prosa, politische Reden und sehr viele Briefe.Im Sommer 1837 reiste Victor Hugo zum ersten Mal nach Belgien. Nachdem er Mons bewundert hatte, begab er sich nach Brüssel und begeisterte sich für die Grand-Place sowie die Fenster der Kathedrale Sainte-Gudule. Er war so euphorisch über die Schönheiten der Stadt, dass er am Folgetag einen Brief an seine Frau schrieb, in dem er sich als “völlig hingerissen von Brüssel” bezeichnet. Er begeisterte sich noch für einige weitere Städte in Belgien: Antwerpen, Gent, Brügge und Ostende. Drei Jahre später fühlt er sich dann eher zu den wallonischen Städten Dinant, Namur, Lüttich und Verviers hingezogen.

 

Im Mai 1849 wurde Victor Hugo in die französische Nationalversammlung gewählt. Er glaubte an die Republik als einzige Regierungsform, die fortschrittlichen Ideen Raum bot. Am 2. Dezember 1851 gelangte jedoch durch einen Staatsstreich Prinz-Präsident Louis-Napoléon an die Macht. Victor Hugo war gezwungen, Frankreich zu verlassen, da mit dem Eintritt in den Widerstandsausschuss ein Preis auf seinen Kopf ausgesetzt wurde. Er gelangte als Arbeiter verkleidet mit einem falschen Pass auf den Namen Jacques Firmin Lanvin über die französisch-belgische Grenze. 1852 verließ Victor Hugo dann Belgien und setzte sein Exil auf den britischen Inseln Jersey und Guernesey fort, reiste jedoch oft zwischen Brüssel und Guernesey hin und her. Der Dichter arbeitete fortwährend und wurde zum Symbol für den Kampf der Republik gegen das Kaiserreich, da er bei jeder Gelegenheit seine Einstellung zugunsten einer besseren sozialen Gerechtigkeit, für den Frieden und die Freiheit unterdrückter Völker, gegen die Todesstrafe usw. in der Presse und in seinen Werken vertrat. 

In einem Brief an seine Frau Adèle beschreibt er das Leben, das er in Brüssel führte, als nüchtern und bescheiden. Er achtete darauf, nur das absolut Notwendige auszugeben. In dem Brief heißt es: “In Bezug auf die Ausgaben müssen diese streng begrenzt sein, da nichts unsicherer ist als die Zukunft und die scheinbar sichersten Ressourcen fehlen oder sich verzögern können. Ich lebe für 100 Francs im Monat. Hier die Kostenaufstellung pro Tag: Miete: 1 Fr., Mittagessen (eine Tasse Schokolade): 0,50 Fr., Abendessen: 1,25 Fr., Feuer: 0,25 Fr., insgesamt: 3 Fr. Das macht insgesamt 90 Fr. pro Monat. Der Rest ist für Wäsche, Trinkgelder usw.” Das hier ausgestellte Dokument beweist jedoch, dass die finanzielle Situation von V. Hugo gar nicht so prekär war.

Empfangsbestätigung
Empfangsbestätigung

1851 wird der Dichter zum Großaktionär der belgischen Nationalbank, indem er 168 Aktien kauft. Wie konnte Victor Hugo direkt nach seiner Ankunft in Brüssel sein Kapital in Aktien der Nationalbank umwandeln, obgleich diese Institution doch gerade erst gegründet wurde? Es gibt die Theorie, dass der Premierminister Charles Rogier, ein Freund des Schriftstellers, ihm empfohlen hat, diese Aktien zu erwerben. Eine andere Theorie lautet, dass Hugo dem Rat des Bürgermeisters Charles de Brouckère gefolgt ist, der in seiner Eigenschaft als Direktor der belgischen Nationalbank sicherlich in der Lage war, die Solidität dieser Anlage zu beurteilen.

Als sich der Reichtum des Dichters dank des Erfolgs von „Les Misérables“ vergrößerte, konnte er noch weitere Aktien kaufen. 1862 besaß er 231, 1863 waren es 239, 1865 271, 1866 289 und am 27. September 1867 300 Aktien. Nach der Änderung der Satzung der Nationalbank und der Erhöhung des Kapitals wurde der Dichter 1872 Inhaber von 600 Aktien. Er nahm nun die zweite Position in der Liste der Aktionäre ein, wo an Nr. 2 zu lesen war „Herr Victor Hugo, Schriftsteller, wohnhaft in Guernesey“. Zum gleichen Zeitpunkt zeichnete er 70 Aktien auf den Namen von Juliette Drouet, seiner Maîtresse. 1881 beschloss diese, ihm die Aktien zurückzugeben. Juliette kommunizierte in mehreren Briefen mit dem Gouverneur zu diesem Thema. Am 3. September erhielt die Nationalbank einen Umschlag, der die Aktien, die Vollmachten sowie einen Antrag auf ein Inhaberzertifikat enthielt. Der Gouverneur antwortete, indem er ein Zertifikat über 670 Aktien zuschickte. Nach dem Erhalt dieses Zertifikats bestätigte Victor Hugo den Empfang mit dem hier ausgestellten Brief. Wenn man die Kursnotierung der Brüsseler Börse vom 29. August 1881 zur Grundlage nimmt, betrug der Gesamtwert der Aktien von Victor Hugo mehr als zwei Millionen Francs, was zur damaligen Zeit ein beträchtliches Kapital darstellte.

Nach dem Zusammenbruch des Zweiten Kaiserreichs begann die Dritte Republik und Victor Hugo konnte nach Paris zurückkehren. Er fuhr im März 1871 noch einmal nach Belgien, um die Erbschaft seines Sohnes zu regeln. Am 30. Mai 1871 endete jedoch die Liebe zwischen Victor Hugo und Belgien abrupt: König Leopold II. unterzeichnete einen Ausweisungsbefehl, da Hugo in der französischen Hauptstadt verfolgte Mitglieder der Pariser Kommune beherbergt hatte. Hugo verließ Belgien am nächsten Tag für immer. Insgesamt hat er mehr als tausend Tage in Belgien verbracht.

Marie Lamoureux

Museumsführerin

Nach: J. Camby, Victor Hugo en Belgique, Paris, ed. L’Ecran du Monde, 1935; H. JUIN, Victor Hugo 1844-1870, Paris, ed. Flammarion, 1984; BNB-NBB Revue de la Banque nationale de Belgique, February, 1948, pp. 4 – 9; [1] BNF, Manuscripts, NAF 13391, fol. 107v° – 108 © Bibliothèque nationale de France/Gallica.